5.800 Worte - also pro Kilometer habe ich fast 6 Worte verloren - wahrscheinlich viel mehr, als ich auf der ganzen Strecke geredet habe.

Mein 1000er 2008
Treuchtlingen Bahnhof. Ich steige in den noch komplett leeren Zug, der dort wohl schon recht lange in der Sonne schmort. Die Luft im Abteil ist unerträglich stickig, kaum atembar. Ich reiße Fenster auf und gehe zurück zur Außentür und öffne sie wieder um einen Hauch von Durchzug herzustellen. Die Tür schwingt auf, und ich blicke direkt in ein total überraschtes Gesicht. Eine ältere Frau, so Mitte sechzig, noch ganz atemlos steht Zentimeter vor mir, gerade als sie Anstalten machte, die Tür zu öffnen war sie auch schon wie von Zauberhand aufgeschwungen. „Haben Sie die extra für mich aufgemacht ?" fragt sie staunend. „Nein, nicht direkt, aber sie können trotzdem sehr gerne reinkommen" lache ich und mache Platz. Ihr Blick ist tief und gütig, das Gesicht zeugt von gelebten und erlebtem Leben, ihre Lachfalten unwiderstehlich und die Rede sehr schnell und sehr hastig. Sie erinnert mich sehr an meine Oma. Ich versuche mich zu konzentrieren und auf die neue Situation einzustellen. Gerade noch habe ich zusammen mit Freunden von der Morgensonne gestreichelt auf der Terrasse der alten Schule von Osterdorf gesessen, mich im Paralleluniversum der Randonneure gesonnt, zwei Gutmann-Hefeweizen geschlotzt und mich auf ein Schläfchen im Zug gefreut und nun das. „Ja und dann im Fichtelgebirge da haben Sie mir ein altes Rad gegeben, wo ich immer treten mußte, auch bergab wo die anderen doch gar nichts tun mußten und ich war deshalb so fertig und immer die Letzte und der Leiter kam und fragte ja Mädel was ist denn mit Dir los und ich sagte ihm daß ich die Einzige war die die ganzen Berge auch bergab noch treten mußte. „Was, sie fahren ein Rad mit Starrnabe ?" Mein Interesse war geweckt. „Ja, und dann hat mir der Leiter der Gruppe ein Stück Schokolade gegeben weil ich so fertig war und hat gesagt, Mädel, nimm die Schokolade dann schaffst Du das schon. Ich war ja erst zwölf und allein und Schokolade war etwas ganz Besonderes. Ich habe es dann auch geschafft weil ich noch einmal Schokolade bekommen habe. Das ist mir bis heute ganz tief in Erinnerung geblieben." Ein Backflash auf die letzten Tage: Ich atemlos kurz vor einem von Karls langen Lieblings-14%er. Hastig mit einer Hand in der Lenkertasche nach einem Stück Schokolade fischend. Wie sich die Schokolade in Energie verwandelte, ins Blut schoß und mir wieder mal übern Berg half. Die Zeiten ändern sich, alles bleibt gleich. „Wissen Sie, daß es jetzt wieder ganz modern ist, ein ganz neuer Trend, wieder mit so einer starren Nabe ohne Freilauf zu radeln?" Ungläubig fragend schaut sie mich an: „Was, so ein Scheiß wird wieder modern - das war ja eine Qual, ja, warum denn um Himmels willen ?" „Ja, manche Leute fahren hunderte von Kilometern am Stück mit so einem Ding." „Die müssen total verrückt sein !!" meinte sie. Ich dachte daran, wo ich gerade herkam und lachte wieder: „Ja, da haben Sie wohl recht !!"
Meine Zugbegegnung fährt nur drei Stationen mit - wir reden die ganze Zeit. Es ist nicht mehr schwer, mich zu konzentrieren, wir haben uns viel zu sagen. Als wir uns verabschieden, verspüre ich spontan den Impuls sie zu umarmen. Ich bin über mich selbst überrascht, weil ich normalerweise damit eher Schwierigkeiten habe. So was ist in unserer Kultur ja leider auch nicht vorgesehen. Ihr geht es wohl ähnlich und so beläßt auch sie es mit einem tiefen Blick und stammelt etwas von „Vielen, vielen Dank für Ihre Freundlichkeit " und setzt noch mal an: ,, Alles Gute "
,, Und auch für Ihr ganzes Leben" .
Wieder so eine Begegnung. Nach Brevets, wenn ich im Zug sitze, treffe ich auffallend gehäuft Menschen, denen ich dann auf einer tieferen Ebene begegne. Ich weiß nicht, woran das liegt. Es kann Zufall sein, aber daran glaube ich eigentlich nicht mehr. Ich glaube eher, daß so ein Brevet mich ausgeglichener und dünnhäutiger macht - daß es Schichten in mir freilegt die sonst zugekleistert sind, daß ich offener und zugänglicher wirke als sonst. Andere Menschen scheinen dies zu spüren. Vielleicht verbrennt so ein Brevet nicht nur körperliche Fette, Schlacken und Abfälle, die sich irgendwo ansammeln, sondern auch seelische.
Nachdem ich endlich den Kartenkauf mit dem Schaffner abgewickelt habe, der auch auffallend freundlich war und meine Uhr auf Weckzeit vor dem nächsten Umstieg gestellt ist, darf ich mich endlich entspannt zurücklehnen und die Augen schließen.
Sofort tauchen Bilder der vergangenen Nacht auf. Vier Radler vor mir, Jörg, Klaus, Roman, direkt vor mir eiert Bernds Hinterrad, wir schießen in der Dunkelheit eine steile Rampe runter als gäbe es kein Morgen mehr. Bernds Hinterrad macht mir Angst. Ein kleiner Schlag war mir schon von Anfang an aufgefallen und in der letzten Nacht in einer der langen Kopfsteinpflasterpassagen in einem dieser fränkischen Örtchen war seine Felge an der Flanke gerissen. Bernd öffnete seine Hinterradbremse so weit wie möglich und fuhr. Dies ist das Brevet der Felgen- und Speichenbrüche. Direkt vor dem Start war Tom an seiner Felge eine Delle aufgefallen, an der Stelle, wo die Felge eingehängt ist - mit dem zugehörigen kleinen Rißchen an der Oberfläche. Er startete. Und kam ins Ziel. Da, wo mal ein Speichennippel eingehängt war, klaffte ein häßliches, großes Loch an der Oberseite der Doppelkammerfelge in das man locker zwei Finger hätte stecken können. Das dazugehörige Stück Felge hing lose an der Speiche. In unserer Gruppe hatte erst Klaus einen Speichenbruch im Vorderrad und dann Roman im Hinterrad. Ich selbst hatte hektisch erst letzte Woche einen komplett neuen Laufradsatz gekauft, weil ich das gleiche Problem wie Tom entdeckt hatte - erst ein ganz kleiner Riß, der dann aber ganz so klein nicht war, nachdem ich die Stelle richtig geputzt hatte…
Ja, wir Randonneure fahren halt viel Rad. Das Material, das zudem immer noch und noch leichter und noch anfälliger wird, muß dem Verschleiß seinen Tribut zollen. Durchgebremste Felgen gehören fast schon zum Alltag. Gestern Abend sagte Stefan: „Ich habe mir eine Ausrüstungsliste für Brevets geschrieben" und unten drauf steht ein Merksatz:
Bereite Dich auf jedes Brevet so vor, als ob Dein Leben davon abhinge.
Das hört sich im ersten Moment übertrieben an, aber wenn man darüber nachdenkt: Man kann es nicht eindringlich genug sagen: Jedes Wort ist wahr. Und es ist nicht nur Dein eigenes Leben, das davon abhängt, sondern genauso das Leben Deiner Mitfahrer.
Prüf Dein Material und wenn es auch nur den kleinsten Zweifel an irgendeinem Teil gibt - tausch es aus. Regenwetter bei so einer Strecke kann fast einen kompletten Satz Bremsbeläge kosten. Wenn sie schon beim Start runter sind… Oder was zählen fünfzig Euro Mehrausgaben für ein gutes Licht, wenn man bedenkt, was man dafür an Sicherheit gewinnt - es ist zu spät, darüber nachzudenken, wenn man irgendwo fremd allein in der Dunkelheit steht oder im Straßengraben liegt... Wir alle sind auch dieses Mal wieder mal gut heimgekommen. Das ist das Wichtigste überhaupt.
Die Schwalben. Ich wollte eigentlich schlafen und habe nur den Schwalben zugesehen. Der Himmel war voller Schwalben, die pfeilschnell kreuz und quer über den Himmel schossen. Meine Uhr piepst, ich wache auf und muß umsteigen.
Im neuen Zug wieder das gleiche Spiel. Das wird mir immer wieder so gehen, ich kenne das schon, sobald ich die Augen schließe und nicht nur da arbeitet so ein langes Brevet in mir nach. Ich sitze zu Hause vor dem Fernseher, schaue in die Glotze und bekomme nichts aber auch gar nichts von dem Fußballspiel mit. Ich bin noch irgendwo auf der Strecke, denke über Dinge nach, Gedankenketten reihen sich aneinander, gehen vom Radfahren weg und wieder darauf zu, ich bin noch nicht fertig mit dem was ich da getan habe, mit den Menschen, die ich da traf, mit den Anregungen, die ich mir da holte. Es hat mich irgendwo wieder um- und umgewälzt, ab- und durchgearbeitet komme ich da zurück und es dauert eine Weile, bis alles wieder an seinem Ort ist. Und manche Sachen bekommen einen neuen Platz, manche Dinge sind vollkommen neu und Manches vorher Wichtige verliert seine Bedeutung. So ein Bericht, wie ich ihn hier schreibe, hilft mir beim Verarbeiten, das mache ich fast immer so - egal ob ich ihn nachher Karl gebe, damit er veröffentlicht wird, oder nicht. Meist gebe ich so einen Bericht gar nicht mehr her, weil ich ihn zu persönlich und viel zu lang finde, glaube, daß Andere das wahrscheinlich nicht interessant finden oder daß es sie einfach nichts angeht. Und wenn ich versuche, diese Dinge herauszustreichen um den kümmerlichen Rest zu veröffentlichen, dann bleibt da ein Stück von einem Gerippe, das es nicht wert ist geschrieben zu sein. Nun, nach den positiven Resonanzen, die ich in Bezug auf den letzten Bericht bekam, schreibe ich halt mal weiter und weiter „mit Blick" auf Veröffentlichen und schau mal was dabei herauskommt. Wenn es zu lang und ausufernd wird, wird es halt so, niemand wird schließlich gezwungen, das zu Lesen und ein Bericht über einen Tausender kann man halt nicht einfach so abhaken - ganz so wie den Tausender selbst.
Donnerstag Morgen kurz vor zehn. Die Morgensonne scheint, ein aufgeräumter, wohlgelaunter und fast schon übermütiger bunter Haufen von Radlern tummelt sich vor der alten Schule in Osterdorf. Witze und Gelächter allenthalben - man möchte überall sein und überall mitlachen. Einige sind schon gestern Abend angereist, viele kamen erst heute morgen und sind noch hektisch in den allerletzten Vorbereitungen. Einige sind neu dabei, die Meisten kennen sich, viele sind befreundet. Alle freuen sich auf das, was sich da ankündigt - eine schöner Tag zusammen mit Freunden auf dem Rad.
Jeder weiß daß es, irgendwann, irgendwo auf der Strecke wohl anders werden wird, daß man irgendwann müde und erschöpft sein wird, daß man verfluchen wird, auf der Strecke zu sein und daß es viel Willenskraft brauchen wird, das was wir heute morgen beginnen, zu vollenden. Aber jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und die Meisten von uns schaffen es die Sorgen wegzublenden. Die Bedingungen sind geradezu traumhaft, die Sonne lacht vom blauen Himmel und was sollte man sich diese Stimmung verderben lassen, weil etwa abends oder morgen oder übermorgen Regen oder Müdigkeit kommen soll? Solche Gedanken belasten nur unnötig. Es kommt wie es kommt und wenn es kommt dann muß man halt darauf reagieren. Aber erst dann und keinen Moment vorher. Diese Haltung darf nicht verwechselt werden mit lockerem in den Tag hineinleben, sich um nichts kümmern, ganz nach dem Motto: Na, das wird schon irgendwie werden. Nein, nichts „wird schon irgendwie" - richtige Lockerheit wurzelt in Selbstbewußtsein, kommt aus der Sicherheit, daß man gut vorbereitet ist, daß man schon viele Situationen gemeistert hat, daß man mit Kraft, Intuition und auch Glück und gutem Stern mit wohl allem wird fertig werden können. Dies ist etwas vollkommen anderes als die „ich muß gar nichts tun, es wird schon irgendwie werden" Haltung - sie sieht von außen besehen genau so aus, ist aber etwas grundlegendes Anderes. Wenn ein Problem auftaucht, wenn der Moment gekommen ist zu handeln, kann man es nicht schleifen lassen. Wie eine Katze, die vollständig genüßlich entspannt, zufrieden und ruhig daliegt - aber fähig ist, in Sekundenbruchteilen aufzuschnellen und zu reagieren, wenn sie angegriffen wird. Aber sich im Vorfeld Sorgen machen und Bedenken haben, über was , was kommen könnte - das bringt rein gar nichts.
Wir starten. Ich habe mit Roman und Klaus, die erst heute morgen angereist sind, vereinbart, daß wir versuchen werden, zusammen fahren und achte darauf, sie im Getümmel der ersten Abfahrten und Hügel nicht zu verlieren. Aber das Feld ist mit knapp vierzig Fahrern gut überschaubar. Jörg hat sich schnell mit einem Mitfahrer abgesetzt und dann kommen wir in einer größeren Gruppe, die im Lauf des Tages kleiner und kleiner wird. Aber ich sehe in unserer Dreiergruppe den harten Kern, der wohl auch den Größten Teil der Führungsarbeit verrichtet. Klaus, Roman und ich. Die für mich perfekte Kombination für so eine lange Strecke. Wir haben vor zwei Jahren entdeckt, daß wir sowohl von der Leistung her als auch von der Einstellung her optimal zusammenpassen, haben uns in Paris zwar gesehen, sind aber eigentlich seit zweit Jahren nie mehr zusammen gefahren. Die Leistung ist das Eine - aber wenn man fünfzig Stunden und mehr Stunden ohne Schlaf auf Gedeih und Verderb zusammenhängt, gehört ein bißchen mehr Gemeinsamkeit dazu um Miteinander Spaß zu haben. Überhaupt ist das meiner Meinung nach der Hauptunterschied zu den Meisten „normalen" Rennradfahrern. Rennradfahren ist ein Sport. Und Sportler messen sich. Das gehört sich auch so. Und so fährt der Rennradfahrer zwar auch in der Gruppe aber nur solange sie ihm dient, bis er sich ausrechnet, jetzt kann er den Anderen wegfahren, jetzt kann er zeigen, was geht, jetzt kann er die Anderen kaputtfahren, jetzt kann er siegen. Bei den Randonneuren gibt es keine Sieger. Es gibt nur Radfahrer, die ein Brevet
eine Strecke in der vorgegebenen Zeit geschafft haben und Fahrer, die aufhören. Zusammen geht es besser. Meist sind es eher die Schnellen und Ehrgeizigen, die Aufhören. Es wäre gelogen, würde man sagen es geht dem Randonneur nicht um Leistung - jeder hat sein eigenes persönliches Ziel - aber um sein eigenes persönliches Ziel zu erreichen, fährt man Miteinander Rad und nicht gegen den oder die Anderen. Daß sich hier und da auch ein „Rennradfahrer" unter die Randonneure verirrt, macht gar nichts. Es bleibt jedem selbst überlassen, sich auf „sportliche Spielereien" unterwegs einzulassen oder nicht. Jeder hat mehr oder weniger Rennradler- und Randonneursanteile in sich. Die Mischung ist bei jedem verschieden. Mein eigenes persönliches Ziel ist nur in wenigen Ausnahmefällen eine gewisse Zeit zu erreichen, das bedeutet nämlich auf eine lange Strecke gesehen richtig Streß. Und ich will nicht fünfzig, sechzig, siebzig Stunden am Stück unter Leistungsdruck fahren - das würde ich auch gar nicht durchhalten. Wichtiger ist mir, ganz einfach schön Rad zu fahren. Schön gleichmäßig, schön in der Gruppe, schön in der Landschaft, schön in mir selbst. Dies ist ein schönes Ziel, das ich leider immer dann nicht erreiche, wenn ich mich wieder mal verlocken lasse und in einer zu schnellen Gruppe gelandet bin. Dann wird es anstrengend, stressig und hart - der Genuß bleibt auf der Strecke. Aber mit Roman und Klaus bin ich da in einer herrlichen Harmonie - genau im richtigen Spannungsfeld zwischen Anstrengung und Genuß - das heißt nun beileibe nicht, daß wir etwa langsam dahingurken…
Wir erreichen noch bei Helligkeit Duftbräu - gerade als die Deutschen gegen Portugal das erste Tor schießen, sind wir im Schlußanstieg. Romans Handy klingelte - seine Tochter hatte ihm eine SMS geschickt. Mal bei Helligkeit Duftbräu zu sehen war ein Wunsch von uns allen gewesen - Duftbräu ist ein Biergarten hoch im Alpenvorland mit herrlichem Blick in die bayrischen Alpen. So hatten wir ein erstes, herrliches Highlight am Ende des ersten Tages, das uns da schon zeigte, daß wir gut unterwegs sind. Das sagt noch gar nichts nach gerade mal dreihundert Kilometern, ist aber ein schönes Gefühl.
Dann wurde es sehr schnell dunkel. Wir kehrten noch in einem MC Donalds ein, um die Grundlage für eine lange Nacht zu schaffen. Die einst so große Gruppe besteht noch aus fünf Mann: Roman, Klaus, ich, irgendwann hinzugekommen Bernd, der seinen Mitfahrer Jörg an der Spitze verloren und sich uns angeschlossen hatte, sowie Gerd, ein ellenlanger Kämpe, der am Berg immer und wimmer wieder unermüdlich anreißt und vorfährt - und das schon den ganzen Tag. Die erste Nacht. In dieser ersten Nacht wird mir die Gruppe irgendwann zu schnell und ungleichmäßig, vor allem am Berg wird immer wieder Druck gemacht. Wir haben noch viele, viele Kilometer vor uns und ich wollte auf jeden Fall ruhig, kraftsparend und gut durch diese erste Nacht rollen. Ich will nicht kaputtgefahren in Osterdorf ankommen. Ich weiß, der 1000er geht eigentlich erst in Osterdorf nach den ersten sechshundert Kilometern los. Ich sage zu Roman, daß es mir zu schnell wird, sie nehmen etwas Tempo raus und ich gehe in Führung. Bernd ist gar nicht glücklich über die Verlangsamung der Fahrt. „Warum führst Du so viel vorn, wenn es Dir zu schnell ist ?" „Nun, ich kann nur im optimalen Tempo fahren, wenn ich vorne bin. Wenn ich hinten bin, und es ist nur einen Tick zu schnell oder
ungleichmäßig fahrt ihr mich kaputt - aber es steht Euch frei zu fahren, wenn ihr so stark seid, ich habe bereits gesagt, fahrt bitte einfach zu wenn ihr wollt, ich fahr jetzt exakt mein Tempo und wenn ich allein fahren darf ist dies vollkommen o.k. für mich". Aber die Gruppe bleibt zusammen, und ich bilde mir ein, daß „mein" gleichmäßiges Tempo auch gut für fast alle ist. Ob dieser Dialog tatsächlich oder nur in meinem Kopf stattgefunden hat kann ich nicht mehr sagen. Erinnerungslücken eines Randonneurs.
Eine Pause in der nächtlichen Autobahnraststätte von Wörth und ein ausgedehntes Frühstück in der Morgensonne bei Karl Meixensberger bzw. Petra in Deuerling und wir sind nach etwas über sechsundzwanzig Stunden und über sechshundert Kilometern wieder in Osterdorf. Wir wollen uns dort nicht allzu lange aufhalten und nach einem guten Essen und einer Dusche sofort wieder weiter. Große Überraschung: Jörg, den wir über alle Berge wähnten, der zwischendurch ganz allein fahrend wohl über zwei Stunden Vorsprung vor uns hatte, sitzt ausgeruht, ausgeschlafen und frisch wie der junge Morgen am Tisch. Er meint, es wär ihm doch ein bißchen langweilig so allein da vorn und ob er mit uns fahren könne. Ich freue mich, ich mag ihn sehr und ich fahre gern mit Jörg. Jörg fährt zwar in einer anderen Liga als ich, ist mir haushoch überlegen - und trotzdem kann er sich auf jedes Tempo einstellen und wie ein Uhrwerk durchziehen. Und er war es letztendlich auch, der uns unermüdlich immer und immer wieder gezogen hat - die ganze Zeit bis wir wieder in Osterdorf ankommen sollten. Wenn wir eine gute Zeit erreicht haben, ist dies zum großen Teil ihm zu verdanken.
So sind wir nach der Pause fünf Leute die um ca. 14.00 aus Osterdorf abfahren und diese fünf sollten auch vierhundert Kilometer später wieder zusammen in Osterdorf ankommen: Klaus, Roman, ich, Bernd und Jörg.
Was da passiert auf Langstrecken mit Einem ist etwas Eigentümliches, schwer zu Beschreibendes, weil es etwas ist, das jenseits von Worten liegt. Man fährt und fährt und fährt und… Und ?
Je länger die Strecke wird, desto mehr geht der Blick nach innen, je mehr man fährt, je müder man wird, je mehr wird alles Andere bedeutungslos. Selbst das Gehirn, der ewige Gedankenerfinder und Unruheherd wird müder und träger und produziert immer weniger. Ganz anders geht es mir, wenn ich mir ein Ziel vorgenommen habe: Dann hat der Kopf etwas an das er sich hängen kann, einen Dreh- und Angelpunkt, eine fixe Idee, alles dreht sich irgendwann darum, jeder Berg wird zum Hindernis, jedes Verfahren ist eine Spur ärgerlicher, man hat keine Zeit mehr für alles, was nicht dem direkten Erreichen des Ziels dient, alles und alles wird nur unter diesem einen Aspekt betrachtet. Ständig und immer wieder wird die erreichte Zeit/Strecke mit der projektierten Endzeit verglichen - so lange sie noch erreichbar ist. Das „Ich", das Ego, der eigene Affe wird ständig gefüttert. Erst, wenn dies Ziel durch irgendwas nicht mehr erreichbar ist, kann ich wieder völlig entspannt weiterfahren. Enger und enger wird der Tunnelblick, ich gehe auf im ewigen Rhythmus der Tretmühle, es geht mehr und mehr nur noch um Essen, Trinken, Treten.
Treten, Essen, Trinken. Orientierung. Weg finden. Aber nur von Ort zu Ort, von Wegmarke zu Wegmarke. Ist eine Wegmarke erreicht, verschwindet sie, wird vollkommen bedeutungslos. Wegmarken, die weit weg sind, sind eben weit weg und es nicht wert daß man Gedanken daran verschwendet. Gedanken kommen und gehen wieder, werden nicht festgehalten, hinterlassen keine Spuren mehr. Meine Mutter hat mich mal gefragt: „Was denkst Du denn, wenn Du so lange auf dem Rad sitzt ? Denken, aktiv denken tu ich nicht, selten. Ich fühle, ich werde gedacht, es ist kaum mehr ein „ich" mehr da, das denkt. „Ich" bin nur noch da. Nur da. Landschaften kommen und gehen. Hügel werden hochgetreten und runtergefahren. Hoch und runter. Runter und Hoch. Der Tunnelblick wird enger. Ich beginne mich zu vergessen. Nur noch Rhythmus und Gleichmäßigkeit. Wenn mich spontan jemand da herausreißen würde mit der Frage: „Urban hast Du Probleme?" käme wohl spontan die Antwort: „Ja, der Hintern tut mir weh, ich habe Durst". „Nein, nein, ich meine richtige Probleme" „Mein Tretlager knackst". „Hör auf mit dem Quatsch, ich meine Probleme mit Job, Familie, Gesellschaft, Gesundheit oder so". Ich würde wohl verständnislos schauen, dies alles ist so weit weg und fast vergessen - ich müßte lange nachdenken um mich und meine Problemchen irgendwo wieder zu finden. Das, was man im Allgemeinen als „Ich" bezeichnet, entfernt sich immer und immer weiter. Ich bin eingetaucht, in das, was ich „Paralleluniversum" oder andere Bewußtseinsstufe nenne. Ich fahre, voll konzentriert, bin vollkommen wach und könnte nicht mal mehr sagen, wo „ich" vor ein paar Stunden oder Minuten war. Es ist mehr und mehr nicht mehr „ich" sondern ein Wesen, das auf jetzt, im Moment, auf dem Rad sitzt und tritt.
Es ist heiß auch an diesem zweiten Tag. Nichts, womit man nicht fertig werden könnte, aber Trinken wird immer wichtiger. Meine Flaschen sind leer. Es sind eigentlich nur noch dreißig Kilometer zur nächsten Kontrolle, die könnte ich schon noch fahren - aber dann würde ich den nötigen Level von Flüssigkeit im Körper zu sehr angreifen und bestenfalls dehydriert dort ankommen. Im Gegensatz zum Schwarzwald gibt es kaum Brunnen hier - ich frage Jörg, ob er noch was übrig hat. Er gibt mir seine Flasche und am Gewicht merke ich sofort, daß sein Vorrat auch nicht mehr üppig ist - ich nehme einen recht sparsamen Schluck und gebe die Flasche zurück. Genau wie ich sofort gemerkt habe, wie wenig noch in der Flasche war, spürt Jörg jetzt ganz genau, daß ich nur genippt habe. Wir sehen uns an. Verständnis ohne daß viel weitere Worte nötig wären: „Bei der nächsten Möglichkeit sollte ich tanken.". Jörg nickt. Er weiß, ich würde nicht fragen, wenn es nicht wichtig wäre. Nach ein paar Kilometern in einem kleinen Ort sehen wir eine Frau vor einem Haus. Jörg hält sofort an, fragt die Frau, ob wir etwas Wasser haben könnten. Die Frau bringt einen Krug - der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ich überwinde die Peinlichkeit, reiche ihr meine verklebten Flaschen zum Auffüllen und gebe den Krug an Jörg weiter. So habe ich die Gruppe ein paar Minuten aufgehalten, aber wahrscheinlich weniger, als wenn ich unterwegs irgendwo eingebrochen wäre. Als wir im Ort um die nächste Ecke biegen, sehen wir einen einen Brunnen aus dem ein unterarmdicker Strahl plätschert…
Wir gehen in Hirschhaid noch mal zu Mac Donalds, eine für mich weltanschauliche Sünde, die ich nur in solchen Situationen begehe - im Vergleich zu einer Pizzeria oder Restaurant spart dies einfach eine Menge Zeit. Wir überwinden die 18% von Teuchatz bei recht tiefstehender Sonne, erster Hauch von Abendlicht und tauchen noch bei Helligkeit in die fränkische Schweiz ein.
Die Schwalben. Ich wollte eigentlich schlafen und habe nur den Schwalben zugesehen. Der Himmel war voller Schwalben, die pfeilschnell kreuz und quer über den Himmel schossen. Meine Uhr piepst, ich wache auf und muß wieder mal umsteigen.

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