Karl, man könnte Deinen 1000er wohl hundertmal fahren, und noch immer könnte man nicht alle Anstiege, Wellen und Hügel der Reihe nach einander aufzählen. Der Einzige, der das vielleicht kann, bist wahrscheinlich Du. Aber ich möchte mir das gar nicht merken können. Ich bin den 1000er jetzt dreimal gefahren und kenne die Strecke ein paar Mal von der anderen Seite und jedes Mal denke ich: Mist, auch diesen Dreckshügel hatte ich ja schon vergessen, wenn ich die Steigung hochdrücke erinnert sich nicht nur der Kopf - auch die Beine scheinen auf einmal ein Erinnerungsvermögen zu besitzen und brennen genau so wie die letzten Male und wenn dieser Hügel auch noch dabei ist, sagt der Kopf dann kommt ja dieser und jener andere auch noch. Und dann fallen ihm noch und noch andere ein, ganze Streckenabschnitte mit Wellen, Hügeln und Steigungen türmen sich auf, die schon vergessen geglaubt oder nur verdrängt waren. Es kommen erst dann keine Hügel mehr, wenn der letzte Stempel in diese verdammte gelbe Brevetkarte, die man hütet wie seinen Augapfel, eingedrückt ist.
Auch so eine Leistung des menschlichen Gehirns, eine Leistung, die meist unterschätzt wird, weil man sie gar nicht wahrnimmt: Ausblenden von Dingen, von Unangenehmen und schlussendlich gar noch die Verdrängung. Ich habe festgestellt, daß diese menschliche Eigenschaft bei Sportlern partiell sehr stark ausgeprägt ist - wie oft habe ich nach Marathons oder Brevets diesen zwei Worte gehört: „Nie wieder !"
Zweitausenunddrei, direkt nach Paris-Brest, nach drei, vier Stunden Schlaf und trotzdem schlaflos rief ich bei meiner damalig „neuen" Freundin zu Hause an. Nicht etwa um zu sagen, daß es mir gut ginge, das wäre in dem Zustand eine nicht nur leichte Lüge gewesen - nein, ich wollte nur verkünden, daß ich es lebend überstanden habe. Ihr Vater, den ich bis dahin nie gesehen hatte, war am Telefon. „Nie wieder !" brüllte ich ihm entgegen. Andreas Vater, selbst leidenschaftlicher Berggeher und Tourengänger gab nur grinsend das Telefon an seine Tochter weiter und meinte: „Denk Dir nichts dabei, nächstes Mal macht er wieder mit !"
Und so stand ich vor drei Tagen zusammen mit ca. hundert Radlern am Start. Zusammen mit Freunden, Bekannten und noch Unbekannten, mit denen ich am Abend vorher noch das eine oder andere gute Gespräch geführt, vergangene Heldentaten zutage gefördert und nebenbei das eine oder andere Glas Weizen vernichtet hatte. Karl hielt seine obligatorische Ansprache, unterbrochen von den ebenso obligatorischen mehr oder weniger qualifizierten Zwischenrufen von Frank - ohne die uns fast schon was fehlen würde. Warum da ein Teil dieser Radler am Start in die Andere Richtung blickten um 600 Kilometer in Angriff zu nehmen und dieselbe Strecke genau entgegengesetzt zu fahren, erschließt sich einem, der dies vielleicht zufällig verwundert sah, wohl überhaupt nicht und wird selbst einem Insider, der sich in den tieferen Dschungeln des Brevet-Regelwerks auskennt, nur nach einer Erklärung klar und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Und dass dann Einer, der die sechshundert Kilometer in der anderen Richtung hinter sich hatte, noch einmal ganz freiwillig einfach aus reinem Spaß und weil er ein paar Freunde begleiten wollte, die vierhundert noch fuhr ist auch schwer nachzuvollziehen. Daß Menschen, die als Fahrradkurier in einer Großstadt arbeiten und jeden Tag auf dem Rad sitzen, sich vom Berufsstreß erholen indem sie am Wochenende 200, 400, 600 oder 1000 Kilometer Rad fahren kann man vielleicht ja noch verstehen. Schwerer schon zu verstehen, ist, daß jemand, der gerade den 1000er hinter sich hat, duscht, zwei Stunden schläft und dann nach Hause radelt. Einhundertsechzig Kilometer, die er am Tag zuvor selbstverständlich angeradelt ist. Ein anderer hat sich auch schon ganz gut warmgefahren - 3x 600 Kilometer innerhalb von vier Wochen und dann noch mal die Tausend …
So gesehen komme ich mir eigentlich ganz normal vor. Egal, Tatsache ist, daß wir 1000er nach den ersten sechshundert Kilometern wieder an den Startort zurückkommen sollten, dort Verpflegungsmöglichkeit, Duschen u.s.w. hatten um dann die restlichen vierhundert Kilometer in Angriff zu nehmen. Aus der Vergangenheit weiß ich, daß dies ein ganz hartes Ding sein kann. Sechshundert Kilometer sind kein reines Zuckerschlecken, bei meinem ersten Mal hatte es die ganze letzte Nacht geregnet, nass und verdreckt kamen wir an, und dann nach 2,3 Stunden Schlaf im Morgengrauen in den grauen, kalten und nassen Morgen zu starten um noch mal vierhundert Kilometer Rad zu fahren - dazu gehört, ich weiß nicht, was dazu gehört, jedenfalls ist es wohl nicht ganz normal …
Aber daran wollte ich nun überhaupt nicht denken, die Sonne schien, ich fühlte mich gut, gut genug, daß ich mal versuchen wollte, mit Jörg und Norbert an der Spitze zu fahren. Ein weiterer starker Fahrer, Bernd, schloß sich uns an. Wir harmonierten gut, die ersten Hügel am Anfang der Strecke wurden grad mal so durchgedrückt und dann rollten wir in schöner Junisonne bei leichtem Gegenwind, auf recht flacher Strecke, die Pausen hielten wir sehr kurz, Wasser nachfüllen und weiter, es machte herrlich Spaß so in diesem hohen Tempo zu rollen, wir kamen so richtig voran und wir wurden nur kurz aufgehalten von zwei Plattfüßen von Jörg, die dazu führten, daß Norberts Rucksack um einen Mantel erleichtert wurde. Auch so eine Frage - Ersatzmantel mitnehmen oder nicht. Ich ziehe in der Regel für so eine Veranstaltung neue Mäntel auf oder verwende zumindest wenig gebrauchte und habe noch nie erlebt, daß ein neuer Mantel so stark zerstört war, daß er gar nicht mehr hinzukriegen ist, in Australien hatte ich schon abgefahrene, aufgeschlitzte Mäntel mit allem Möglichen gestopft und geflickt und es immer noch bis zum nächsten Radladen geschafft - das sind dort nicht nur ein paar Kilometer - aber eigentlich gehört ein Ersatzmantel zum richtigen Randonneur wie eine Speiche zum Rad, seit den Zeiten als die Fahrer mit einem nicht faltbaren runden Reifen um den Hals und Schulter geschlungen ihre Rennen fuhren …
Gegen Mittag wurde es immer heißer, der Gegenwind kam mir stärker vor und ich gab die Führung recht gerne wieder ab wenn es an der Zeit war. Die Anfangseuphorie war verklungen, erste Ermüdungserscheinungen stellten sich ein und es wurde zäh und zäher. Zumindest für mein Empfinden. Bei dieser Hitze muss man sehr, sehr viel trinken - und ein sehr kontrolliertes Tempo fahren um nicht zu überzocken - aber das ist leichter gesagt als getan in der Gruppe. Die Leistungsunterschiede in der Gruppe gleicht man auf der Ebene am besten mit der Führungsarbeit aus - der Stärkste führt in der Regel am Längsten und jeder muß selber wissen, wann es für ihn Zeit ist, zu wechseln. Es bringt gar nichts, zu lange in der Führung zu bleiben um hinterher einzubrechen. Diese gesunde Selbsteinschätzung ist mit das Wichtigste, um lange Strecken durchzuhalten. Wenn man in einer Gruppe gelandet ist, die so schnell fährt, daß man von Anfang an kaum Führungsarbeit übernehmen kann, ist es sowieso besser entweder allein sein eigenes Tempo zu fahren oder auf die Nächsten zu warten - irgendwann fällt man sowieso raus und dann ist es fast schon zu spät - man braucht recht lang bis der Körper so weit regeneriert, daß er ein zu hohes Anfangstempo verkraftet -und für die Psyche ist es auch nicht gerade vorteilhaft…
Wir beschlossen, nach der 3. Kontrolle in Bad Tölz, war es, glaube ich, etwas Tempo rauszunehmen um im legendären Duftbräu nach fast dreihundert Kilometern die erste nennenswerte Pause zu machen. Da freute ich mich schon lange so richtig drauf. Duftbräu ist ein Gasthaus, hoch oben auf luftiger Höhe mit herrlichem Panoramablick - aber erst mal muß man da natürlich rauf durch ein herrliches Tal - ich hatte es bisher immer nur im Dunkeln gesehen, das Gasthaus schon geschlossen - Jörg und seine Mitfahrer waren in der Regel noch bei Helligkeit dort gewesen genossen noch den Sonnenuntergang . Diesmal kam er mit uns gerade mit dem allerletzten Tageslicht an, irgendwo über den Bergen schwebte noch ein allerletzter rötlicher Schimmer - eine einzige Gruppe von Gästen saß noch auf der Terrasse, die Bedienung sah sich durch uns um ihren Feierabend betrogen und war recht kurz angebunden. Was Kaltes könnten wir noch haben, entweder einen kalten Braten oder ein Käsebrot. Ein bitterer Moment. Bitter für einen bekennenden Nicht-Fleischesser, der schon den ganzen Tag nur Käsesemmeln gegessen und als weiteren Vorrat von Nicht-Süßem noch drei komplette Käsesemmeln in der Lenkertasche hatte. Keine warme Suppe oder Brühe, keine Nudeln, kein Salat, kein Omelette, nichts von dem ich schon den halben Tag geträumt hatte. Ein Käsebrot. Ich spülte mein Käsebrot mit einem großen Radler, einer großen Apfelschorle und einem großen Spezi hinunter und freute mich sehr an der aufgeschnittenen Gurke und der halben Tomate, die danebenlagen. Als wir gingen, humpelte eine alte Frau an mir vorbei, als ich mich nachtfertig machte - „San,s ihr vo die Radler wo´s jedes Johr kumme ?" Ja, die waren wir. Sie wünschte uns viel, viel Glück und sagte, wir sollen nächstes Jahr wiederkommen, so Gott will.
Dann ging es weiter in die Nacht. In Bernau war wieder Kontrolle, da trafen wir auch die ersten Radler der 600er-Strecke, die uns entgegengefahren waren. Und immer wieder kamen uns in dieser Nacht Lichter entgegen - spannend war es zu rätseln - wer war das ? Der Einzelfahrer im Randonneurstrikot war ziemlich sicher Stefan gewesen, Istvan hatte ich nicht erkennen können - hatte er in einer der größeren Gruppe gesteckt ?
Lang war die Strecke am Chiemsee entlang bis Wörth, ich hatte sie als sehr zäh in Erinnerung, aber die Gruppe lief immer noch wie ein Uhrwerk - ein gesperrtes Straßenstück, Brücke im Neubau, bescherte uns noch eine Zwangspause weil Bernd beim Schieben und Balancieren über Baustahlmatten sich noch einen Platten im Vorderrad einfing - auch in einer anderen Gruppe war genau dasselbe passiert - also künftig: Nie mehr über Baustahlmatten, die oft scharfe, herausstehende Metallnasen haben, schieben, immer tragen !! Wieder was gelernt …
Im Morgengrauen frühstückten wir mit Erleichterung in der Autobahnraststätte in Wörth - die erste Nacht war vorbei, ein Ende der ersten Runde abzusehen - noch kam eine schwierige, hüglige Passage mit heftigen Steigungen, Buckeln und Wellen bis Osterdorf , nur unterbrochen von einem Päuschen bei Karl Meixensberger in Deuerling, die sich meist etwas länger hinzieht, da wir dort zu gut aufgenommen und verpflegt werden - vielen Dank noch mal, Petra und Karl !! Und Bernd, der hatte noch mal Pech - er wollte die Gelegenheit bei Karl nutzen, sein nach dem Platten nur schwach aufgepumptes Vorderrad nachzupumpen - dabei zerriss es ihm den Schlauch und während wir frühstückten und Pause machten, hatte er Werkstattdienst an seinem Rad … . Wir zwangen unsere Hintern wieder auf die Sättel und nahmen klaglos alle Hügel, Wellen und Anstiege bis Osterdorf.
So. Die ersten sechshundert Kilometer waren geschafft.
Durchschnaufen ? Kaum !!
Duschen, Essen, Umziehen, frische Klamotten einpacken, Verpflegung bunkern - Jörg hatte es irgendwie geschafft, in der Zeit auch noch einen Schaltzug zu wechseln ! Das Einzige, was einen kurzen Anklang von Pause hatte, war als wir uns ein Gutmann-Weizen in den Hals gossen. Den Gedanken, daß es hier ja eigentlich problemlos noch ein paar mehr werden könnten oder daß man ja eigentlich genug Rad gefahren sei um zufrieden aufhören zu können, ließ ich erst gar nicht aufkommen. Nach etwas über 1 Stunde saßen wir wieder auf dem Rad. Zu Dritt - Bernhard hatte sich entschieden, nicht weiterzufahren, da seine Knie nicht mehr ganz so wollten wir er - sehr gut, Respekt - Gesundheit geht vor - bevor man sich einen dauerhaften Schaden holt bzw. die Teilnahme bei Paris-Brest gefährdet ist es natürlich besser aufzuhören. Gesunde Selbsteinschätzung und Körpergefühl sind sehr wichtig - auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, daß die Meisten von uns vielleicht zu oft über die Grenze gehen. Aber gerade das „über die Grenze gehen" ist ja gerade ein wesentlicher Teil unseres Sports - ohne dies würden wir alle nicht so was unternehmen und keiner wäre wahrscheinlich in seinem Leben mehr als hundert Kilometer am Stück gefahren - irgendwann war ja das mal die Grenze. Es ist ein ständiges Spiel an den Grenzen mit den Grenzen. Mit den Grenzen im Kopf, mit den Grenzen des Körpers. Wir alle haben die Erfahrung gemacht, daß es jenseits der Grenzen immer noch und immer weitergeht. Und so geht man halt auch weiter und weiter und weiter. Das ist auch gut so. Und doch muß das eigentliche Ziel schlußendlich die Zufriedenheit mit sich selbst und seiner Leistung sein - das ewige schneller, höher, weiter, weiter, weiter bleibt ein Suchen und Gerenne ohne Ende und Erfüllung. Erst wenn man zufrieden ist, geht man nicht mehr weiter. Und es ist so ungleich viel schwieriger, stehenzubleiben und dabei auch noch zufrieden und mit sich selbst im Reinen zu sein, als weiterzuhetzen. So viel schwieriger, daß man sehr, sehr vieles in Kauf nimmt, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.
Da auch ich nicht wußte, wie lange ich noch mit den Anderen Beiden mithalten würde können - momentan fühlte ich mich zwar noch gut, aber das kann sich nach schlafloser Nacht manchmal sehr schnell ändern - außerdem war anscheinend Schlechtwetter angesagt - hatte ich kurz entschlossen meine große Ortlieb-Packtasche an den Gepäckträger gehängt, den ich auf der ersten Runde komplett nutzlos spazierengefahren hatte, bestückt mit einem kompletten Satz warmer Klamotten zur evtl. Übernachtung und zusätzlicher Verpflegung. Nur auf den meinen Mini-Schlafsack verzichtete ich, was ich noch bereuen sollte, so würde eine Übernachtung zwar nicht Fünf-Sterne würdig werden aber so konnte mir eigentlich gar nichts mehr passieren. Ich würde so auf jeden Fall auch allein, überall irgendwie zurechtkommen. Mir ist dieses Gefühl der Sicherheit und Souveränität viel, viel wichtiger als vielleicht 800g Zusatzgewicht.
Durch brutalen Verkehr zogen wir unsere Bahn durch Weißenburg, sogar bei Elling und auf weiteren Streckenabschnitten, die ich als ruhig kannte, wütete der Feierabendverkehr - und dann baute sich irgendwo vor uns eine riesige Gewitterfront aus, eine Mischung von schwarz und grau - das sah aus wie Weltuntergang. Wir fuhren fast direkt dagegen und stemmten uns mit 25km/h auf der Ebene, viel mehr ging nicht, mit aller Kraft gegen diesen brutalen Wind. Und gerade noch rechtzeitig fanden wir eine komfortable Bushaltestelle, groß genug für uns und unsere Räder. Wir waren kaum drin, als das Gewitter losbrach. Mann, da hatten wir ja nochmal Glück gehabt ! Normalerweise schaue ich aus sicherer, trockener Position gerne zu, genieße es, wenn die Elemente toben. Aber diesmal - ich machte sanft die Augen zu - Blitze schlugen ein, irgendwo, es donnerte, irgendwo, der Regen und Hagel prasselte auf unsere Haltestelle irgendwo, das Brevet, die Räder, Bayern, alles war irgendwo. Irgendwo ganz weit weg. Schön, von Allem so weit weg zu sein, ich dämmerte weg, schlief herrlich ein. Auch Norbert und Jörg hatten die Augen geschlossen. Ich weiß nicht mehr, wie lang das so ging, aber das Gewitter war irgendwann vorbei, ich öffnete die Augen und da standen vor uns nur wieder unsere verdammten Räder, auf die wir uns sofort wieder schwangen, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt.
Kein Gegenwind !! Seit vielen, langen Kilometern keinen Gegenwind - vielleicht war es sogar Rückenwind - ich war in der Führung und genoß - herrlich, mit knapp über dreißig km/h ohne jeglichen Kraftaufwand nur so dahinzufliegen - ich kurbelte meine Beine total locker, fühlte mich unendlich stark und war so richtig glücklich - auch im Hinblick auf die Steigungen, die in Kürze auf uns warteten. Ich gab die Führung an Norbert ab - „Na die paar Kilometer nach Hirschhaid hättest Du ja auch noch machen können" scherzte er. „Ich wollte ja nicht den ganzen Spaß für mich alleine haben !" entgegnete ich.
Auch Norbert fing an, Spaß zu bekommen. Norberts Beine arbeiteten wie zwei gut geschmierte Kolben. Rauf Runter Rauf Runter. Schneller und Schneller. Und noch schneller. Ich schaute auf den Tacho: 35, 36, 37, 38. Die Straße stieg leicht an. Der Tacho blieb bei 38. Die Straße wurde wieder eben. 38, 39, 39einhalb, 40 - verdammt, was macht der da vorn ?
Die Beine vor mir wirbelten scheinbar noch immer absolut mühelos, ich fing an zu keuchen, meine Beine, vor ein paar Minuten noch so überaus stark, leicht und locker fingen an zu brennen und unwillig zu werden. Immer noch permanent bei 38 km/h. Die Alarmlichter in meinem Kopf fingen an zu blinken. Noch fünfhundert Meter so weiter und Du fährst heute keinen Berg mehr hoch. Die Straße stieg wieder ganz leicht an, Tempo unvermindert. Schluß, ich zog die Notbremse, platzte hinten weg, nahm die Beine hoch und ließ ausrollen. Die Maschine vor mir wirbelte weiter, Jörg hing dran am Zug, Ruck-zuck hatten die Beiden über fünfhundert Meter Vorsprung.
Ich rollte hinter den Beiden nach Hirschhaid zum Mc Donalds, wo wir die letzte Verpflegung vor der Nacht geplant hatten - kleinlaut wankten meine kaputten Beine hinter den Beiden an die Theke. Ich bestellte eine große Cola, 3 Fischburger, eine große Pommes. Während wir den Mc-Donalds-Fraß in uns reindrückten, meinte ich: „Hört mal, wenn ihr so weiterfahren wollt, dann fahrt ihr besser - so komm ich maximal noch den nächsten Berg rauf, wenn überhaupt ,und dann ist Feierabend !!". Es wäre wahrscheinlich wirklich besser für mich gewesen, genau mein Tempo zu fahren, auch wenn es nicht ganz einfach sein würde, allein durch diese Nacht zu kommen. Wir beschlossen gemeinsam, etwas langsamer zu fahren und zusammenzubleiben.
Ich zweifelte an mir. Wie nur würde ich mit diesen Beinen Teuchatz hochkommen ? Grade mal fünf Kilometer hatten ausgereicht, aus einem „Was kostet nur die Welt-Gefühl, gib mir alle Berge und ich fahr sie" ein „Komm ich da noch hoch ?" zu machen. Teuchatz ist eigentlich nur eine Steigung, in allen diesen ungezählten, namenlosen Wellen und Hügeln, eine weitere Steigung, die aber einen Namen und ein Gesicht hat. „Und ich gebe ganz ehrlich zu, ich konnte nicht mehr und da bin ich halt abgestiegen und dann war es so steil, daß ich mit den Rennradschuhen nicht mehr laufen konnte und dann hab ich halt die Schuhe ausgezogen und habe mir dabei auch noch Blasen geholt, bis ich oben war". Das erzählte mir ein Randonneur, als wir zwei Morgen darauf auf der Treppe vor der alten Schule in Osterdorf saßen, Kaffee tranken, sinnierten und auf noch immer ankommende Randonneure warteten. Meine persönliche Erinnerung an Teuchatz ist die an letztes Jahr. Es war in der Nacht, die Steigung konnten wir nicht sehen. Wir waren zu Dritt dort, der Fischer Klaus, eine leichte Bergziege fuhr ca. fünfzig Meter vor mir, aber er war nicht nur 50 Meter vor, sondern auch weit über mir. Wenn sich mein Rennrad nicht in derselben Schräglage befunden hätte, hätte ich den Kopf weit in den Nacken legen müssen um sein rotes Licht irgendwo über mir langsam höher und noch höher zittern zu sehen. Unter mir war Roman, der Triathlet. Sein ganzes Rad, sein Lenker, Rahmen und Schaltung ächzten gequält zu mir rauf, als er mit Bärenkräften und seiner unglaublichen Übersetzung von 42/23 die Kurbeln in einer Art von statischer Drehbewegung hielt. Das ist Teuchatz, ein Berg, den man sich merkt.
Teuchatz arbeitet zusammen mit all den anderen Bergen, Wellen und Steigungen um die Beine auf Dauer so richtig kaputtzumachen. Es ist irgendwie unvorstellbar, daß man über 2,3 Tage lang permanent solche Steigungen rauf- und runtertreten kann. Eigentlich kann man es auch nicht. Irgendwann ist jeder kaputt. Aber bei den Meisten passiert es irgendwann. Es ist, wie wenn man einen Schalter umlegt. Man fängt an - zu Lachen. Die Beine tun weh, man kann nicht mehr, der nächste Berg kommt, man hat noch 300 Kilometer, es ist fast schon aussichtslos, also was soll´s. Kommt noch ein Berg ? Noch steiler, noch höher ? 15,16,18% ? Nur her damit !!. Es geht nicht mehr - rein, was die Beine hergeben !!. Der Arsch tut auch noch weh ? Was geht mich das an ? Noch n´ Berg ?? HaHa, soviel Berge gibt´s doch auf der ganzen Welt nicht - kann das sein - ist das noch wahr ?? Wo hat Karl diesen Dreckshügel wieder aufgetrieben ? Egal, Ich nehme was kommt, ich fahr halt grad so hoch wie mein geschundener Körper es noch zuläßt. Oh, schön, jetzt haben wir uns auch noch verfahren, da dürfen wir jetzt wieder runter und drüben wieder rauf. O.K., das mach ich noch. Und wenn ich kriechen muss. Und jetzt fängt´s auch noch an zu regnen. Und noch die Baustelle, wo ich mit meinen Klickpedalen 200 Meter durch den Schlamm waten darf. Noch ´n Berg und dann auch noch der dritte Platten !! Kann es noch härter kommen ? Es kann !! Und man lacht, wenn es noch härter kommt und beißt die Zähne noch härter zusammen. Ist man in der Gruppe, fängt man an Witze zu machen, ein herrlicher Galgenhumor, der reine Galgenhumor kommt auf. Man spottet über sich selbst, seinen schmerzenden Körper und die Mitfahrer. Und das Wunderbare: Auf einmal geht es wieder. Diese spezielle Mischung von Trotz und Selbstironie überwindet alles. Und wenn ich so genau darüber nachdenke, ist es dieser Humor, diese Ironie, das Lachen über andere und der Spott über sich selbst, der über der alten Schule von Osterdorf schwebt, wenn die Randonneure einfallen. Erfahrene, langjährige Langstreckler müssen meist nicht lang warten, bis sich der Schalter im Kopf umlegt, ja bei manchen ist er wahrscheinlich schon längst auf Dauerbetrieb umgestellt, es ist kaum mehr bewußt, wie der „Normalradler" so tickt.
Die 19% vom Teuchatz kam ich ganz gut hoch - auch wenn Jörg und Norbert oben auf mich etwas warten mußten - allerdings im jetzt einsetzenden Regen. Das ist besonders unangenehm, ich beeilte mich also, so gut ich konnte. Dann kam auch noch eine lange Baustelle. Dunkel war es geworden, Kies, Dreck, Schlamm und das Alles im Regen - die Felgen, Bremsen, Schuhe - alles komplett eingedreckt. Steile Abfahrt. Dreck schleift auf den quietschenden Felgen und Bremsbelägen. Man sieht nicht mehr viel, selbst gutes und helles Licht wird vom nassen Strassenbelag fast verschluckt. Nur noch Lichtreflexe auf der Brille. Maximale Belastung für Material und Psyche. Der Regen wurde stärker. Ich auch. Ich übernahm viel Führungsarbeit auch wenn sie den anderen Beiden kaum was bringen konnte - im Gegenteil, es macht keinen reinen Spaß im Spritzwasser vom Vordermann zu schwimmen. Man muß da sowieso viel Abstand halten. Sofort wurde es kühl - logisch, in der Nacht ist es eh nicht so warm und wenn man dann noch naß wird und zudem die Müdigkeit anfängt zuzuschlagen... Kein normaler Regen mehr, das Wasser fing an, wolkenbruchartig zu fallen.
Jörg und Norbert beschlossen gegen 23.30 Uhr in einem Zwei-Häuserdorf kurz vor Egloffstein (der Name war irgendwie witzig, ist mir aber entfallen) zu übernachten. Ich fuhr allein weiter - noch ca. hundert Meter, bis zu einer trockenen Beton-Verladerampe unter einem großen Vordach direkt an der Straße. Perfekter Platz. (Straßennähe nicht so perfekt, aber der Platz war gut überdacht und trocken, also perfekt. Der Beton, stellte ich fest, hatte von der Tageshitze sogar noch einen Hauch von Wärme gespeichert, bildete ich mir ein. Hier würde ich bleiben. Hier gefiel es mir. Alles besser als da draußen. Im Lichtschein einer Straßenlaterne sah ich reinste Sturzbäche vom Himmel rauschen.

1000er Brevet in Osterdorf 14.06.07
Nun, wie jeder Randonneur weiß, ist 2007 ein Paris-Brest-Jahr und auch ich plante schon im Januar meine Termine für all die Qualifikationen und versuchte wie wohl alle, die in Paris mitfahren möchten, meine anderen privaten Termine dem unterzuordnen - eine Tätigkeit, dann doch bei manchen Verwandten, Bekannten oder Freunden auf das eine oder andere Unverständnis trifft - Du fährst doch so viel Rad, kommt´s jetzt wirklich darauf an ? - und so versucht man halt im Vorfeld alle Überschneidungen und Kollisionen auszuschließen. Aber mal ehrlich unter uns: Was ist schon eine Hochzeit im Bekanntenkreis verglichen mit einer Paris-Brest-Paris Quali ?
Normalerweise hasse ich es wie die Pest, mein Jahr schon im Januar zu verplanen, aber das mußte jetzt halt mal wieder sein… Deshalb hatte sich der Termin für den 1000er schon lange in meinem Kopf festgehakt - so was entscheide ich normalerweise eher kurzfristig … Ich hatte all meine Freunde in Osterdorf recht lange nicht gesehen, weil ich alle meine Qualifikationen im Mutterland des Radsports, in Frankreich absolviert hatte, leichte Osterdorf-Entzugserscheinungen machten sich bemerkbar und so war es keine Frage, daß ich den 1000er versuchen wollte.
Mein nun „schon" dritter 1000er in Osterdorf.
Und ich könnte wohl 1000 Stück davon fahren, (das möchte ich mir gar nicht vorstellen) ohne daß einer wie der andere wird. Jede Langstrecke, selbst wenn sie auf derselben Strecke absolviert wird, entwickelt sich anders und ist vor allem nie planbar. Die meisten Planungen und Überlegungen im Vorfeld erweisen sich in der Regel schon nach den ersten Kilometern als hinfällig. Fast immer läuft es anders, als eigentlich gedacht. Deshalb habe ich schon seit längerer Zeit aufgegeben, so eine Tour zu planen. Man kann nur eines Tun: Seine Ausrüstungsliste komplettieren, Ersatzteile mitnehmen, aufs Rad sitzen und fahren. Gegen unverhofftes Pech gibt´s nur eins: Unverhofftes Glück. Und oft genug gibt´s unverhofftes Glück auch ganz gratis ohne das Pech.
Die Strecke mag dieselbe sein (auch wenn Karl immer wieder mal eine neue, kleine Variante - Mitfahrer wissen, wovon ich rede - einbaut) aber die Strecke ist nur eine Komponente unter vielen. Die eigene Tagesform, das Wetter, die Menschen, die man unterwegs so trifft, die Zufälle (Pannen, unerwartete Hilfe oder Störungen - das kann ein bissiger Köter sein), die Mitfahrer, u.s.w. sind die anderen Bedingungen, die so eine Fahrt in veränderlichen Anteilen zu mindestens 50% prägen.
Manche meiner Freunde (ich habe, man stelle sich vor, sogar noch einige Nicht-Radler unter ihnen) haben mich schon gefragt, ob es nicht langweilig sei, meinen Hausberg, den Schauinsland (1284m) wieder und immer wieder hochzuradeln. Fast jede Woche - einige wenige Male sogar im Winter - stehe ich zwei, drei Mal da oben und Schau ins Land. Und wenn ich erzähle, daß ich ihn wohl noch hundert Mal fahren werde und es hundert Mal wieder anders werden wird, und niemals langweilig, ernte ich oft ungläubige Blicke. Man stelle sich vor, vor zwei Monaten erst habe ich sogar beim Wandern eine geteerte Landwirtschaftsstraße entdeckt, die bis kurz untern Gipfel führt, die ich in meine Touren wunderbar einbauen kann - so „betriebsblind" war ich schon geworden - nun Stelle sich mal einer vor, was es da noch alles zu entdecken gäbe, wenn ich nur einmal die Augen richtig aufmachen würde ! Das ist ein Straßenstück von gerade mal fünfzehn Kilometern an einem Berg.

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