Das 1000 km Audax-Brevet
in Pappenheim

vom 20. - 23.06.2002
Born to be wild...

1999 platzte mein Traum, an einem 1000 km langem Non-Stop-Rennen auf dem Hockenheimring teilzunehmen. Der Veranstalter sagte ab. Ein neues Ziel war schnell gefunden. Die Traditionsveranstaltung der Langstreckenrennen, Paris - Brest - Paris, ein Rennen das sich bis 1891 zurückverfolgen läßt, mit 1.200 km und ca. 10.000 Höhenmetern, noch länger, noch härter. Die nächste, alle vier Jahre stattfindende Austragung ist am 19. August 2003. Heute, ein gutes Jahr vorher, steht für mich der erste ernsthafte Test an.
Mit Schrecken stelle ich fest, daß es halb neun ist, als ich aufwache. Ich habe aber nicht verschlafen, sondern bin viel zu früh wach. In gut 11 Stunden stehe ich am Start zu meiner bisher längsten Radtour. Es hat also nichts gebracht, bis morgens um drei aufzubleiben, um dann möglichst lange in den Tag hineinschlafen zu können. Ich überlege, welche anderen Möglichkeiten ich gehabt hätte, meinen Biorhythmus auszutricksen. Also erledige ich die mir noch wichtig erscheinenden Dinge und mache mich dann auf den Weg nach Pappenheim. Um 16.00 Uhr treffe ich ein und beginne damit, meine Ausrüstung startklar zu machen. Zusammen mit 17 anderen Teilnehmer werde ich um 20.00 Uhr zu einer 1000 km langen Tour aufbrechen, um die Machbarkeit meines Traumes zu prüfen und Erfahrungen zu sammeln.
Eigentlich ist alles Routine, jeder kennt seine persönliche Material- und Verpflegungsliste, weiß wie er seine Dinge am Rad verstaut und unterbringt. 600 km in 30 Std. kennen wir schon. Eine Nacht ohne Schlaf können wir wegstecken. Doch nochmal 400 km mehr, das ist doch eine andere Dimension. Vor dem großen Fragezeichen steht, „wie bewältige ich diese Strecke?" physisch, psychisch, was ist machbar, wo liegen meine Grenzen, wann erreiche ich sie? Wie erkenne ich, daß ich über dem Limit fahre? Scheinbar hoffen einige insgeheim, das Ding Non-Stop und ohne Schlaf durchziehen zu können.
Ein großes Handicap ist wirklich die späte Startzeit. Man geht nicht ausgeschlafen an den Start, sondern hat schon einen Tag hinter sich gebracht. Karl Weimann hat dies mit Bedacht so gewählt - die Bedingungen sollen denen von P-B-P so ähnlich wie möglich sein. Kurz vor Acht schaut alles ganz anders aus. Jetzt freue ich mich richtig auf mein persönlich größtes Abenteuer des Jahres, eigentlich sogar mein Größtes überhaupt. Looking for adventure in whatvever comes my way.....Born,...

Runde 1: Durch den Süden Bayerns
Sag: „Ich will ...."

Letztes Jahr kam ich nach 600 km ins Ziel und war froh es hinter mich gebracht zu haben. Dieses Jahr kam ich nach der gleichen Strecke schon entspannter an. Als Sven jetzt den Startschuß gibt geht mir der Slogan der Castrolwerbung Ende der Siebziger durch den Kopf. Es gibt für uns kein Halten mehr. Wir wollen es wissen. Jetzt.

Die Streckenführung ist die umgekehrte Fahrtrichtung und Kombination der Brevets 600 km (Runde 1) und 400 km (Runde 2). Daher ist uns die Gegend im Prinzip bekannt. Durch die geänderte Fahrtrichtung verschieben sich die Tageszeiten auf der Strecke und vieles schaut ganz anders aus. Von den 18 Startern sind 14 auf dieser Distanz „Greenhorns", mich eingeschlossen. In der Gruppe, die sich um Volker und mich formieren wird, sind alle „ahnungslos". Die Abendstimmung kurz nach dem Start ist einfach grandios. Wir nehmen die ersten Hügel unter die Räder und beobachten die Wolkenberge am Himmel. Die Wetterlage läßt auch jede Art von Überraschung zu. In den nächsten Stunden und Tagen wird es garantiert irgendwann und irgendwo in Bayern regnen. Die Frage ist nur, ob wir dann zu diesem Zeitpunkt davor, mittendrin oder schon vorbei sind. Wie üblich kommt es anders als man denkt.

With a little help from my friends...

Langsam fahren wir uns warm, wozu es die Wellen um Pappenheim jetzt im Sommer eigentlich nicht mehr bräuchte. Doch schon nach wenigen Kilometern fährt Karl Meixensberger sein Hinterrad platt und die Gruppe hält, um den Schaden gemeinsam zu beheben. Innerlich wurmt mich diese frühe Panne schon sehr stark. Es geht auf die Nacht zu, wir verlieren wertvolle Minuten vom Tageslicht. Doch Karl M. alleine zurückzulassen verbietet die Kameradschaft. Wer weiß, wann man selbst dankbar für die Hilfe der Mitradler sein kann. Dann erinnere ich mich, vor vierzehn Tagen hieß der Pechvogel Ernst. Kaum zur Stadt hinaus, fuhr auch er platt. Die restlichen 550 km hatten wir Ruhe. So sollte es auch diesmal gehen. Mit vereinten Kräften ist der Schaden schnell behoben, unsere langsameren Mitstreiter haben wir schon vorausgeschickt. Sie hätten unser Tempo ohnehin nicht lange halten können. So sind wir nach wenigen Kilometern wieder vereint unterwegs. Das Terrain wird jetzt auch wieder flacher.
Die Sonne ist bereits untergegangen, als wir die Donauebene erreichen. Einige Gewittertürme werden noch angestrahlt und wirken dadurch recht bedrohlich. Die Dunkelheit zieht herauf und in Bezug auf das Wetter wird die Fahrt jetzt noch ungewisser. Wir schlagen ein für den Beginn der Strecke recht schnelles Tempo an, jeder will das Restlicht noch nutzen und so wird in Einerreihe gefahren, um Kraft zu sparen. Ich genieße es, bei den Ortsdurchfahrten in die gut besuchten Biergärten und die erstaunten Gesichter der Gäste zu sehen, die sich zu fragen scheinen, was dieser Radkonvoi wohl vor hat, der um diese Zeit an Ihnen vorbeirauscht.

Guter Mond Du gehst so stille...

66 km sind abgespult, als wir die erste Kontrollstelle erreichen. Hier lassen sich unsere langsameren Fahrer bereits mehr Zeit, um sich zu versorgen. Die Gruppe um Volker und mich füllt nur die Flaschen auf, holt sich den Stempel ab und sitzt schon wieder auf dem Rad. Jetzt sind wir nur noch zu siebt. Die Luftfeuchtigkeit steigt nochmals an, als wir auf die westlichen Wälder von Augsburg zurollen. Es wird immer stiller und ruhiger. Im Scheinwerferkegel unserer Lampen tauchen immer mehr dunkle Flecken auf der Straße auf. Hier hat es schon geregnet. Zufrieden stellen wir fest, daß wir „zu spät" gekommen sind. Am Ortseingang Schwabegg erinnere ich mich an Details der 600-km-Tour. Die Kohlen-
austreter einer Gartenfeier begrüßten uns im Morgengrauen. Jetzt ist es Nacht und gleich konzentrieren wir uns auf die steile Abfahrt hinunter ins Lechtal, visieren als unser nächstes Nahziel eine Antennenanlage an. Der Mond kommt zeitweise wieder hinter den Wolken hervor, ich brauche meine Taschenlampe noch nicht, um mich zu orientieren, und freue mich noch alles aus dem Gedächtnis fahren zu können. Gleich darauf frage ich mich, ob mein Repertoire wohl noch durch die Nacht reicht, denn ich verliere meine Taschenlampe. Der Schraubverschluß hat sich gelockert, Lampe und Batterie fallen auf die Straße. Doch die Hintermänner sind wach und verfolgen die Flugbahn. Schnell sind die Teile wieder gefunden und die Lampe zusammengeschraubt. Dann will die Gruppe zu früh in Richtung Landsberg abbiegen und ich muß korrigieren. Michael und Robert fahren an der Einmündung ein extra Schleifchen.

Lindenstraße oder Klein-Dallas?

In Landsberg benutzen wir die Tankstelle nur zum Wasserfassen und
-lassen. Es gibt hier keinen Kontrollstempel, wohl aber Unterhaltung der besonderen Art. Die Kneipen sind zu und die Bettschoner treffen sich jetzt hier. Zwischen zwei Pärchen spielt sich ein Beziehungsdrama auf niedrigem Niveau, aber gehobenem Alkohol- und Lautstärkepegel ab. Ich gebe mich recht uninteressiert und frage mich, wer hier wohl weiter neben der Kappe steht, wir Radler mit unserer Extremtour oder die Schluckies, die sich gegenseitig die Leviten lesen. Als jeder wieder versorgt ist, schwingen wir uns auf´s Rad und greifen die nächste Etappe an. Jetzt kommt der „amerikanische Abschnitt" der Tour. Fast bretteben und ewig geradeaus geht es in Richtung Süden. Die Begegnung mit den entgegenkommenden Auto-
fahrern ist bemerkenswert. Durch die lange Gerade sieht man das Auto schon sehr bald als Lichtpunkt, der langsam immer größer wird. Ich wundere mich über das Tempo, das Volker angeschlagen hat. Mein Gefühl hat mich nicht betrogen als ich mit Hilfe der Taschenlampe einen Kontrollblick auf den Tacho werfe. Ich sehe Zahlen zwischen 35 und 37. Auch die anderen in der Gruppe arbeiten bei diesem Tempo mit, aber ich will mich an dieser Hatz nicht beteiligen und lutsche an den Hinterrädern. 13 km später biegen wir ab und überqueren den Lech. Ein kleiner 14-Prozenter fordert einen anderen Rhythmus. Meine Frage nach dem Wahnsinnstempo wird von Volker damit beantwortet, daß er die Strecke nicht mag. Die B 17 gilt als Unfallschwer-
punkt. Zuhause, wenn ich auf die Landkarte schaue, werde ich mich fragen, warum uns Karl W. nicht über die Parallelstraße durch die Dörfer gelotst hat. Vielleicht ist es auch zu aufwendig diese Strecke zu beschreiben.

Nachtcafe

Nach dem langen Anstieg kommen noch einige kurze Wellen, bevor wir Wessobrunn erreichen. Karl W. hat uns mit auf den Weg gegeben, ruhig laut zu werden, wenn wir das Cafe verschlossen vorfinden. Möglicherweise schläft der Wirt, was aber nicht der Fall war. Beim Nachfüllen meiner Lenkerflasche fällt mir meine Taschenlampe, die ich am Trinkhalm befestigt habe, in den Lichtschacht, auf dem ich geparkt habe. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, in der Dunkelheit den Trinkhalm nicht einfach so herauszuziehen, sondern die Taschenlampe zu sichern. Da der Schacht zu den WCs gehört ist die Bergung kein Problem. Als Letzter reihe ich mich vor der Theke ein und wähle aus Kuchen, Käsesemmeln, Kaffee, Cola. Die Diskussion über die sinnvolle Bekleidung und das Höhenprofil zum bevorstehenden Abschnitt bestimmt die Pause. An die kurzen Rampen bei Königsdorf denkend, sage ich „vorwiegend" bergab, und prompt kommen an diesen Anstiegen die Beschwerden. „Es soll doch nur bergab gehen!?" Ich deklariere die Steigung als „Maulwurfshügel" und das Wort soll auf dieser Tour zum feststehenden Begriff werden. Als wir im Morgengrauen am Starnberger See vorbeifahren, erinnere ich mich an meine Joggingrunde in der Vollmondnacht im März. Erstaunlich schnell wird es hell. Wir fahren das Isartal flußaufwärts. Endlich sehe ich dieses Tal wieder richtig. Auf der 600-km-Tour sind wir in der Gegenrichtung unterwegs und dann ist es hier tiefste Nacht. Der Morgennebel sorgt für eine besondere Stimmung.

Freunde und Helfer

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, noch bei Dunkelheit in Bad Tölz einzutreffen, aber es ist schon sieben Uhr. Wir versuchen den Weg durch die Einbahnstraßen zur Kontrollstelle bei der Polizei zu finden. Dort lernen wir wieder eine neue Schichtbesetzung kennen (und diese uns). Michael und ich schwatzen dem Schichtführer einen Cappuccino ab und plaudern im Aufenthaltsraum mit den Kollegen, die sich bis zum nahen Dienstende mit „Watten" beschäftigen. Offensichtlich haben unsere Freunde und Helfer keine Ahnung von unserer Tour, denn im Laufe unseres Dialoges werden sie immer neugieriger und zweifeln etwas an der Glaubwürdigkeit unserer Streckenbeschreibung. Von hier sind wir sonst nachts entweder durchnäßt oder bei Eiseskälte aufgebrochen. Mit dieser Erinnerung tut es richtig gut jetzt in den zwar noch kühlen, aber sommerlichen Morgen zu starten.

Urlaubsstimmung

Die Wettervorhersage hat für den Nachmittag Gewitter am Alpennordrand angekündigt. Ich rechne hoch, wie lange wir wohl brauchen werden, um den Weg von Bad Tölz zum Chiemsee hinter uns zu bringen. Welche Chance hätten wir, den Gewittern davonzufahren? Wir ziehen weiter und genießen erst einmal den Tag. Der Blick auf die Berge im Sonnenschein, die ländliche Umgebung. Bis zum Tegernsee ist es ja eine einfache Spazierfahrt. Es geht relativ flach dahin, doch nach Gmund steht uns die Passage mit dem anspruchsvollsten Höhenprofil bevor. Jetzt müssen wir unsere Ausdauer wirklich unter Beweis stellen und Farbe bekennen. Ebenso ist der Kopf gefragt, die Kraft und Energie wirtschaftlich einzusetzen, nicht zu überdrehen, egal was Einzelne oder die Gruppe vorgeben. Ich hänge deshalb wieder mal relativ weit hinterher. Es macht mir fast Angst mit welcher scheinbaren Leichtigkeit Volker die Berge hochdrückt. Ich baue mich innerlich mit der Hoffnung auf, daß meine Zeit noch kommen wird. Auch in den Abfahrten müssen wir große Konzentration aufwenden, um zügig durch die Kurven rollen zu können; die Steuerkünstler sind gefragt. Unser Marschgepäck macht sich hier ganz deutlich bemerkbar. Eine Serpentine wird von Walter auf der letzten Rille gemeistert. Der Versuch, Anschluß in der Abfahrt zu halten, wenn man ganz hinten in der Gruppe fährt, könnte, wie mir hier wieder vor Augen geführt wird, böse enden. Nach Bad Feilnbach wird es flacher, mein Kopf beschäftigt sich mit der Überlegung, wo gibt es hier eine Bäckerei? Ich habe noch kein richtiges Hungergefühl, doch die Erfahrung lehrte mich bereits oft genug, wenn Du erst Hunger bekommst, ist es zu spät zum Essen. In Großholzhausen endlich die Erlösung. Nach dem Linksabbiegen, die Gruppe will gerade wieder Fahrt aufnehmen, taucht rechts am Haus ein Schild „Bäckerei" auf. Volker und ich sind ein eingespieltes Team, mit dem gleichen großen Appetit auf Rosinenbrötchen. Er braucht keine große Überredungskunst, um uns zu einem Halt zu bewegen. Es erwartet uns ein gut sortiertes Angebot, doch „die Spezialität" ist nicht dabei. Mit unserer Nachfrage haben wir hoffentlich Missionarsarbeit geleistet.

Road to nowhere

Das Gröbste ist vorerst wieder überstanden und weiter geht es, die Inntalautobahn überquerend, nach Raubling, vorbei an Corratec.
Dann verläßt mich mein Orientierungssinn. Fixiert auf die Streckenbeschreibung von Karl W. erwarte ich ein Straßenschild mit der auf der Beschreibung angekündigten nächsten Ortschaft. Ich weiß, daß wir rechts abbiegen müssen, aber das Tageslicht und die Anfahrt aus der anderen Richtung lassen das Memoryspiel in meinem Gedächtnis nicht erfolgreich enden. Der Rest der Gruppe verläßt sich sowieso auf Volker und mich. Er hat sich jetzt aber auch der Gruppe angeschlossen, und so erkennen wir gemeinsam an der Auffahrt zur Salzburger Autobahn meinen Fehler, drehen um, und dann ist mir auch sofort wieder klar, wo wir uns verfahren haben. Lang und sanft ansteigend geht es weiter nach Frasdorf, bevor es danach nochmals steiler wird und über Wildenwart der Chiemsee erreicht wird. Walter hißt die weisse Flagge und klinkt sich vorher aus. Sagt, er kann das Tempo nicht mehr weiter mitgehen und braucht eine Erholungspause. Er will sich der nächsten Gruppe anschließen und dann die Tour wieder aufnehmen. Der Kontrollstempel an der Tankstelle ist Routine und wir halten die Pause bewußt kurz. Lediglich die Toilettenfrau bringt den oft geübten „Boxenstop" etwas aus dem Takt. Wieder steht uns ein interessanter und landschaftlich reizvoller Abschnitt bevor, doch die Tageszeit nimmt uns etwas von der Freude. Wir kennen die Nordwestseite des Sees von Samstagen zur Nachmittagszeit als besonders verkehrsarm und ruhig. Doch jetzt, am Freitag Mittag, ist es richtig belebt, vor allem die LKWs stören.

It never rains in California

Auf der Weiterfahrt beobachten wir immer wieder den Himmel, um die angekündigten Gewitterwolken zu erkennen. Mit innerer Genugtuung stellen wir fest, daß sich das Wetter eigentlich im entgegengesetzten Sinn, für uns positiv entwickelt. Auch Volker, mein Wetterfrosch, gibt sich vollkommen sorglos. Die Sonne scheint vor Bewunderung zu unserem Vorhaben zu strahlen. Die Haupthimmelsrichtung der Tour ändert sich jetzt von ost- nach nordwärts, die Hälfte der ersten Runde liegt schon hinter uns. Wir haben das Gefühl, es geht wieder heimwärts. Kurz darauf läßt auch die Verkehrsdichte wieder nach, es wird ruhig. Dafür steht vor Kraiburg eine Kette von Maulwurfshügeln. Zu spät erkenne ich die Abzweigung in die Ortschaft hinein und wir folgen der Umgehung. Ich erinnere mich an die große Baustelle im Ort und denke es ist kein Fehler, dieser Variante zu folgen. Schon nach wenigen hundert Metern stellt sich das als goldrichtig heraus. Wie gerufen taucht links ein Supermarkt auf, wo wir unsere Mittagspause einlegen. Die Temperaturen lassen den Flüssigkeitsumsatz in höchste Regionen klettern. Gestärkt mit kleinen Snacks und vollgetankt geht´s erneut auf die Piste. Sogleich überqueren wir den braunen Inn, der uns heute besonders dreckig erscheint. Die Rampe nach der Brücke ist mir wohl bekannt, bislang allerdings nur als Abfahrt. Mit Elan meistern wir die Steigung, die Ampel sorgt dafür, daß sich die Gruppe wieder sammeln kann. Bei Grün nehmen wir gemeinsam Tempo auf.

Nichts ist unmöglich...

Die Straßen werden wieder belebter. Aus den Märkten scheint sich jetzt alles in die Autos zu stürzen, um nach den erledigten Einkäufen rechtzeitig zum Fußballspiel zuhause zu sein. Dann werden wir wohl eine Zeit lang Ruhe haben. Eine Umleitung ignorieren wir und fahren in den gesperrten Streckenabschnitt, eine Sackgasse, hinein. Fahrräder kommen immer durch. Glauben wir. Diesmal steht uns eine Baustelle der besonderen Art bevor. Auch ich bin etwas überrascht. Lohkirchen erneuert seine Kanalisation. Mit Schwung und Bunnyhop sind die Hindernisse nicht zu überwinden. Wir klicken aus den Pedalen, Volker überquert den Graben als erster und dokumentiert dann unseren improvisierten Radtransport. Mit vereinten Kräften kommen wir hinüber, indem wir eine Kette bilden und die Räder weiterreichen. Drüben schauen wir uns erst einmal um. Der Vergleich mit einem Fliegerangriff drängt sich auf. Die Baustellenfahrzeuge stehen alle offen da, kein Mensch weit und breit. Doch wir kennen ja den friedlichen Grund. Weiter geht's. Die Strecke bleibt wellig und wie erwartet einsam. Ein Bauer, der sich scheinbar auch nicht für Fußball interessiert, bringt Heu nach Hause. Wir veranstalten ein kleines Rennen mit seinem Traktor, der ein richtig schönes Museumsstück wäre. Dann taucht die Kühlwasserfahne des Atomkraftwerkes Wörth an der Isar am Horizont auf. Die nächste Pause vor Augen, ziehen wir das Tempo leicht an, es geht ja auch bergab. Wir überlegen, ob wir Johannes an der Raststätte noch antreffen, oder ob unser vorauseilender Kollege seine Distanz zu uns noch weiter vergrößert hat. Das Temperaturniveau ist hoch, richtig hoch, sozusagen „Jan-Ullrich-Wetter" was genau mein Fall ist. Wir rollen durch die Tankstelle vor die Raststätte und sind erstaunt. Johannes sitzt an der Glasfassade neben seinem Fahrrad, demotiviert und beschäftigt sich seit einer halben Stunde mit einer Tüte Kartoffelchips. Wir erledigen die Formalitäten und tanken Wasser. Dann bringen wir Johannes wieder auf die Beine und nehmen gemeinsam Kurs Richtung Regensburg.
Es folgen die bekannten Hügel, teilweise sogar in heftigem Stakkato. Am Nachmittag erreichen wir Schierling und damit meinen Lieblingssupermarkt. Auf dem 600er ist das die letzte Gelegenheit billig einzukaufen, auf dem 1000er eine willkommene Abwechslung. Meine Mitfahrer haben eher Getränkeprobleme, ich mehr Hunger und so flachse ich derweil mit der Bäckereifachverkäuferin, die mich an meinem Helmspiegel wiedererkennt.

Keep on running

Jeder ist versorgt, mir geht es blendend, bin richtig „heiß" auf die Weiterfahrt, möchte hier keine Zeit vertrödeln. Doch nicht so der Rest der Truppe. Sogar Volker scheint am Zügel zu ziehen und zu bremsen. Hinterher erfahre ich, daß er hier seinen absoluten Tiefpunkt hatte. An der Kasse wartend glaubte er sogar kurz vor einem Kreislaufkollaps zu stehen. Die anschließende zehnminütige Pause im Freien konnte ich mit einem kleinen Hinweis auf die Bewölkung beenden. Jetzt schienen sich alle wieder erholt zu haben oder rissen sich zumindest zusammen, um dem drohenden Regen zu entgehen. Wir sind noch nicht lange unterwegs, da wird es richtig finster. Den Wind auf der Nase, eine dicke schwarze Wolke über uns, einsetzende Regentropfen machen uns die Situation klar und deutlich. Augen zu und durch. Ohne Murren erhöht die Gruppe das Tempo um 10 km/h, fährt Doppelreihe und sogar so etwas ähnliches wie einen Kreisel. Jeder erkennt, wann er seinen Beitrag leisten muß. Das Gruppenzeitfahren, begleitet von Blitz und Donner dauert eine halbe Stunde, wir überqueren die Donau und in der Gewissheit, dem Wetter wieder ein Schnippchen geschlagen zu haben, nehmen wir das Tempo heraus.
Jetzt sind wir in der Heimat unseres Mitfahrers Karl M., der nun die Fahrtrichtung vor den Abzweigungen ansagt. Volker und ich finden das als eine angenehme Entlastung.

All you can eat

Ein Freund von Karl kommt uns entgegen, führt uns wieder über eine Bergwertung nach Deuerling. Die Kontrolle ist bei der Familie unseres Mitfahrers Meixensberger perfekt organisiert. Große Schilder weisen uns den Weg und willkommen, führen uns aber deutlich über das Talniveau hinaus. Es erwartet uns ein Buffet mit noch besserem Service. In solchen Dingen kann ich mit Erfahrung aufwarten und darf ohne Übertreibung fünf Sterne an das Haus vergeben. Im Nu ist eine Stunde und mehr vergangen. Der Himmel wird wieder dunkler und es lösen sich einige Tropfen aus den Wolken. Nach erfolgreichem „Carbo-Loading" rollen wir entspannt den Berg hinunter, folgen dem Tal der Schwarzen Laaber nach Beratzhausen, entgehen erneut einem Gewitter und radeln hinein in die Abendsonne. Hinter und neben uns nimmt die Kulisse am Himmel dramatische Formen an. Doch wir haben das Glück der Tüchtigen. Dafür machen sich bei mir jetzt ernsthafte Sitzbeschwerden bemerkbar. Eigentlich kann es gar nicht sein. Wir haben gerade erst mal läppische 500 km hinter uns, was ich ja eigentlich als Routineübung bezeichnen kann. Naja, 3x hintereinander innerhalb von 4 Wochen ist vielleicht auch etwas viel. Jedesmal wenn ich mich vom Wiegetritt zurück in den Sattel begebe, setze ich mich ganz, ganz vorsichtig. Auch die Hände machen sich bemerkbar, die Handinnenflächen spüren das Gewicht des Oberkörpers, der sich auf dem Lenker abstützt. Die Füsse sind angeschwollen und trotz der dünnen Socken ist in meinen, in vielen tausend Kilometern eingefahrenen Schuhen kein Platz mehr für ein Blatt Papier. Klartext: Es drückt und schmerzt überall.

Na los, quäl dich .....

Ein kräftiger Anstieg läßt uns wieder mal die Zähne zusammenbeißen, bevor es ein gutes Stück auf der Hochfläche entlang geht. Wir folgen einem romantischen Tal nach Holnstein. Es geht über eine kleine Kuppe nach Berching hinüber, der Ort wird umfahren, der RMD-Kanal überquert. Es wird dunkel und geht lang und hart und steil nach oben. Ich kenne diesen Anstieg von div. RTFs, habe rechtzeitig noch ein Carbo-Shotz eingeworfen. Johannes, der auch weit entfernt von seiner Form scheint, fährt neben mir. Ich reiche ihm ebenfalls ein Gel, was er dankbar annimmt. Meine Erfahrung und Ortskenntnis relativieren den 2 km langen 14-Prozenter (oder mit den Worten von Hubert - der Power of Mind) zu einem Abschnitt nach dem Motto: if you want it, you can do it. Ich bin selbst erstaunt über meine Qualitäten am Berg, der scheinbar nicht existiert. Beginnt es jetzt bei mir zu laufen? Erst die Rückkehr vom Wiegetritt in den Sattel oben auf der Höhe führt mir wieder vor Augen, auf was für ein Abenteuer ich mich hier eingelassen habe. Mann tut das weh. Eigentlich kann ich mir nicht so recht vorstellen, wie ich hinter Osterdorf weiterkommen soll. Doch dort bin ich noch nicht und bis jetzt geht es ja noch. Also, keine demotivierenden Gedanken. Hier und jetzt zählt. Notfalls muß der Spruch von Udo Bölts herhalten.
Es geht weiter oben auf der fränkischen Alb entlang. In die Senke nach Kinding hinein und durch das Schwarzachtal hindurch holen wir noch einmal Schwung, bevor es drüben wieder hinauf geht. Die Temperatur fällt deutlich ab, zwar nicht unangenehm, aber die hohe Luftfeuchtigkeit kondensiert jetzt überall. Am Rad kleben die Wassertropfen, vom Helm tropft es. Die Haut an den Händen wird richtig weich. Im Prinzip baden wir. Die letzten 50 km der ersten Runde ziehen sich unendlich in die Länge. Im Kopf rechnen wir die Fahrzeit hoch und wissen, daß wir Osterdorf wohl gegen ein Uhr nachts erreichen. Jeder überlegt wie es weiter geht. Der Geist ist wach, der Körper scheint weiterhin strapazierfähig zu sein, doch ich frage mich, wie lange noch. In der Gruppe wünscht oder sehnt sich die Mehrheit nach der lang verdienten Pause. Ankunft um Eins, Duschen, Essen, zwei Uhr, Schlafen und dann? Ich überlege, es wird kurz nach fünf Uhr hell. Aufstehen um fünf bedeutet drei Stunden Schlaf. Weiterfahren um sechs, ich beschließe für mich, das muß wohl reichen. Carpe diem - nutze den Tag. Lieber unterwegs erkennen, daß es nicht mehr weiter geht und eine weitere oder längere Pause einlegen, als von vorne herein Tageslicht zu verschenken. Karl M´s lautes Gedankenspiel teilt die zweite Runde sogar in zwei Tagesetappen, die Zeit würde ja reichen. Damit verliert die Strecke ihren Schrecken.
Den sonst üblichen und schweren Anstieg von Pappenheim nach Osterdorf hat uns Karl W. diesmal erspart. Dafür fordert die Baustelle bei Geislohe unsere Steuerkünste. Schließlich haben wir es geschafft. Heidi, Ines und Sven begrüßen uns. Die Duschreihenfolge wird abgesprochen, die Lasagne analog dazu bestellt, und mit der Ordnung der persönlichen Sachen begonnen. Ich komme als letzter vom Duschen zurück und lange ordentlich zu. Als ich mir zum Essen ein Weißbier gönne, herrscht kurz allgemeine Verwunderung, so etwas hatte von mir keiner erwartet. Aber mein Beispiel macht rasch Schule. So ein Schlummertrunk kann nicht schaden, zumal wir es uns ja auch verdient haben. Voller Euphorie berichten wir Heidi zwischen den Bissen, wie es uns ergangen ist.
Runde 2: Das Sahnehäubchen des Nordens

Die Helden sind müde

Von der Stimmung her hätten wir wahrscheinlich noch bis ins Morgengrauen erzählt und geplaudert, doch die Gutmannsche Wirkung setzte sehr schnell ein. Noch bevor ich mein Bier austrinken konnte, verlangte der Körper nach Regeneration und ich mußte eine kleine Pause auf der Bank einlegen, um meinen Kreislauf noch einmal kurz aus dem Keller zu hieven. Heidi lächelt verschmitzt und verständnisvoll zurück, als ich mich nach einer Minute wieder erhebe und in Richtung Feldbett marschiere. Noch ein Blick zu Volker und für uns beide ist klar, in drei Stunden geht es weiter. Pünktlich um fünf weckt uns Heidi freundlich, aber bestimmt. Wir schälen uns beide aus den Federn, sehen uns um, der Rest der Gruppe scheint noch tief und fest zu schlafen, nur Karl M. blinzelt. Die nächtliche Euphorie ist der Ernüchterung gewichen. Unsere Frühstückszeremonie geht schwer von der Hand, ich erinnere mich an vergangene Radtouren, wo es morgens auch immer schwierig war, wieder auf´s Rad zu kommen. Aber ich weiß, irgendwann wird es wieder laufen. Dann unterhält uns Heidi mit einem Rückblick auf unsere nächtliche Ankunft und schilderte recht bildhaft, wie bei mir die Jalousien fielen. Wir genossen unser Frühstück, Karl gesellte sich hinzu, entschied sich aber, noch etwas zu ruhen und mit der nächsten Gruppe nach uns aufzubrechen. Auch unser Start zog sich noch etwas hin. Walter traf ein, und erzählt, daß er nicht weit hinter dem Chiemsee abgebrochen hat und mit der Bahn nach Treuchtlingen gefahren ist. Von Heidi hören wir noch, daß ihr Karl unterwegs richtig naß geworden ist. Ich entschloß mich noch, die Kette zu ölen und den einen und anderen Riegel einzupacken, bevor wir dann, noch immer mit müden Knochen, um halb sieben beim tatsächlichen Aufbruch fotografiert wurden. Es ist hell, trocken und die Temperatur angenehm. Wir sind stolz auf unser Wetterglück und lassen es erst mal ins Tal hinunter rollen. Der Schwung ist gleich weg, es fällt uns schwer Tempo aufzunehmen, der Tacho scheint bei 20 hängenzubleiben. Durch Weissenburg, Ellingen und Pleinfeld könnten wir mittlerweile fast blind fahren. Doch schon in Mühlstetten kommt der erste "aha-Moment". Bei Tageslicht erkenne ich die Stelle, die mir bei den 400er Brevets in der Nacht immer wieder Probleme bereitete. Untersteinbach taucht auf. Uns erwartet diesmal keine aufgebaute Kaffeestation mit einem zweiten Frühstück. Wäre ja auch etwas zuviel verlangt. Die bekannten Baustellen sind für unsere schmale Bereifung noch immer in desolatem Zustand. Ich erkundige mich im Vorbeibalancieren an faustgroßen Schottersteinen bei einer Anwohnerin, wann denn wohl geteert wird. Sie meint, heuer wohl nimmer. In Roßtal hat sich Karl W. ebenfalls den Stempel gespart. Wir nutzen den Ort zu einer Bäckereibesichtigung, wohl wissend, daß in wenigen Stunden das Samstagsangebot ausverkauft ist. Statt der erhofften Rosinenbrötchen erstehen wir einen halben Hefezopf - immerhin mit Rosinen - der erstmal in Volkers Rucksack verschwindet. Es bleibt noch etwas wellig, die Anstiege fallen noch immer schwer, bevor es in der Nähe der Kontrolle Hessdorf, im fränkischen Karpfenland, endlich flacher wird.

If you want blood

Mein Sitzfleisch hat sich durch die Schlafpause deutlich erholt. Nur der Druck in den Schuhen ist nach wie vor vorhanden. Vor Adelsdorf erspähen wir ein "Opfer" wie letztes Jahr beim 600er. Ein Blickkontakt zwischen uns hätte gereicht. Grinsend beschließen wir das Tempo nur unwesentlich zu erhöhen, aber schneller in der Führung zu wechseln, um es zu "erlegen". Es rollt schon etwas besser mit solchem Nahziel vor Augen. Niedere Instinkte spannen die Triebfeder des Vorwärtskommens. Doch der von uns verfolgte Sportsfreund weicht uns bald aus und wir müssen uns wieder anderweitig ablenken. Auf der vermutlich richtigen Route erreichen wir Adelsdorf, durchfahren den Ortskern, der sehr hübsch ist. Als wir dann die uns wieder bekannte Strecke erreichen, bin ich mir erneut unsicher, ob wir heute diesen Streckenabschnitt vollständig richtig befahren haben.

Magic Carpet Ride

Unsere Richtung wendet sich jetzt nach Westen, dem Rhein-Main-Donau-Kanal entgegen. Tellerflach, mit einer kleinen Brise im Rücken klettert die Tachoanzeige auf 37. Wir können dieses Tempo sehr lange - bis zum Kanal - halten und begeistern uns damit selbst. Wir scheinen förmlich dahinzufliegen, machen bei Lidl einen Einkaufschwung, um die vermutlich letzten, heute erhältlichen Bananen zu erstehen. Punkt Zwölf erreichen wir Hirschaid. Ich schlage Volker vor, wir sollten uns doch eine Portion Nudeln gönnen. Bereits drei Wochen vorher hatte ich auf einer anderen Tour - hier fast vor meiner Haustüre - die Versorgungslage studiert. In dem bei Einheimischen "Containerpizzeria" genannten Lokal werden wir mit Spagetti Pomodore für unsere Belange exzellent versorgt. Die einstündige Pause tut uns gut, das Mittel der letzten Stunde sorgt für Laune und Unterhaltung. Frohen Mutes steigen wir wieder ins Pedal, unbeeindruckt vom Teuchatzer Berg, den wir bald erreichen, und der wie Alpe d´ Huez aus Karl W´s Höhenprofil sticht. Doch zunächst überqueren wir die Autobahn und üben erst mal wieder an einem sanfteren Anstieg. Die Sonne meint es schon wieder recht gut mit uns. Volker, der Meteorologe befiehlt Schatten und prompt hilft eine Wolke den Temperaturanstieg unterm Trikot etwas zu begrenzen. Rechts an einem Gestüt werden die letzten Vorbereitungen zur abendlichen Sonnwendfeier getroffen. Es erscheint uns allerdings eher wie eine Bauholzentsorgungsmaßnahme. Die Helfer sehen uns "arbeiten", rufen uns zu und laden zu einer kleinen Erfrischungspause ein. Wir lehnen dankend ab, was der Einladende ungläubig in breitem Fränkisch mit "Bei derra Hitz´ - des gibbds doch ned" kommentiert.


Up where we belong

Dann ist es soweit. Nach 780 km Anlauf steht uns zwar nicht der längste, aber mit 18 % der steilste Anstieg bevor. Wir kennen den Hügel ja schon als Abfahrt, deswegen legen wir gleich den kleinsten Gang auf, machen uns mit Routine auf dem Weg nach oben. Es geht langsam voran, aber es geht. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, um oben anzukommen. Ohne sichtliche Zeichen der Erschöpfung schießen wir gegenseitig Fotos von uns neben dem Verkehrsschild, welches jetzt ein Gefälle ausweist, und nehmen sie als eine Art Trophäe mit nach hause. Ein Blick auf die Uhr stimmt uns noch fröhlicher. Da ist ja leicht noch eine Kaffeepause in Ebermannstadt drin, auf die wir uns jetzt schon freuen. Vorher lassen wir es locker hinunter ins Tal nach Heiligenstadt rollen und zwei Autofahrer halten respektvollen Abstand bevor sie überholen können. Ohne großen Krafteinsatz läuft es weiter der Leinleiter entlang abwärts nach Ebermannstadt. Wir erreichen unser Stehkaffee bei Rewe und ich fahre mit dem Rad fast bis vor die Bäckertheke. Die vorhandenen Kuchenreste teilen wir fair untereinander auf, der Kaffee schmeckt und die Verkäuferin füllt sogar unsere isobepulverten leeren Wasserflaschen an Ihrem Hahn für uns auf. Erneut gestärkt folgen wir dem Trubachtal aufwärts und können es kaum glauben, daß der Tacho bei der sanften Steigung 28 km/h anzeigt. In der Ruhe liegt die Kraft. Das erste Mal haben wir den Eindruck, es läuft fast von alleine. In Obertrubach kommt noch mal eine steile Rampe, die uns aber auch nicht sonderlich beeindruckt. Wir nehmen Kurs auf Auerbach und arbeiten weiter brav unsere Maulwurfshügel nacheinander ab, so wie sie kommen. Nur hinter Betzenstein im Waldstück nach Pegnitz tut es mir mehr in der Seele denn in den Beinen weh, als ich bemerke, wie weit unsere Geschwindigkeit hier in den Keller fällt. Sollte ich ein Gel einwerfen? Langsam macht sich auch mein Verdauungstrakt bemerkbar. Es gäbe ja genügend Stellen wo man sich verkrümeln könnte. Aber so kurz vor der Kontrolle, die wir in einer Stunde erreichen? Ich beschließe die Sache "auszusitzen". Ein paar Kilometer der Nebenstreckenschleife hat Karl W. gestrichen. So fahren wir direkt auf der Bundesstraße hinein nach Auerbach, was mir sehr entgegen kommt. Wie eine Erlösung taucht die Tankstelle auf. Ich besetze sofort die sanitären Anlagen, während sich Volker um seinen Kontrollstempel kümmert. Dann tauschen wir die Plätze. Mein Kamerad macht mich noch auf die etwas mürrische Tante aufmerksam. So vorgewarnt überfahre ich die Stempelverwalterin von der überfreundlichen Seite und mache kurzen Prozeß. Sie notiert meine Zeit akribisch genau, im Glauben ich wäre eine viertel Stunde nach Volker angekommen. Später wird dann dieser Umstand für etwas Verwirrung sorgen. Unsere zweite Gruppe kann sich die so geschilderte Lage nicht erklären und rätselt herum, woran das vorausfahrende, ihnen so verschworen erschienene Team zerbrochen sein soll.
Richtig erleichtert fällt es uns nicht schwer, wieder in den Sattel zu steigen. Von Auerbach aus folgen wir noch ein gutes Stück der B 85. Es geht lange sanft bergan. Neben der Straße wachsen Bäume und Sträucher, darauf Stahlwaden. Endlich haben wir die Höhe erreicht und lassen es mit Schwung hinunterrollen. Ich wundere mich. Der Abstand zu Volker wird sehr schnell sehr groß. Ich weiß zuerst nicht so recht woran es liegt, daß er nicht "dran" bleibt. Mit meiner Figur gebe ich zwar keinen tollen Windschatten ab, aber dafür sollte es doch reichen. Als wir wieder zusammengefunden haben, erklärt er mir, daß er sich unsicher fühlt, so schnell zu fahren. Es könnte ja noch eine Querrinne kommen. In der Tat sind wir mit wechselndem Fahrbahnbelag und abgefrästen Abschnitten konfrontiert worden. Für einen Brillenträger scheinbar nicht so einfach. Dann geht´s am Truppenübungsplatz Grafenwöhr entlang. Bei Vilseck kommen wir auf eine befahrenere Straße. Ich bin ein klein wenig gespannt, ob Tanja vom Hubert-Schwarz-Zentrum auf meinen kleinen Scherz eingestiegen ist, und in Ihrem Heimatdorf eine kleine Überraschung für uns vorbereitet hat. Wegen Abwesenheit hat Sie dem nicht Rechnung getragen. O.k. im Gegensatz zu meinem bekannteren Idol muß ich mich noch etwas mehr um meinen Fan-Club kümmern, obwohl ich sogar meine geschätzte Durchfahrtszeit auf eine viertel Stunde genau eingehalten habe.

Joyride

Nach der zweiten langen Steigung wird mir die Streckenführung zu fad und ich brauche Volker nicht lange zu überreden, um einem Parallelkurs, der mir von früher bekannt ist, zu folgen. In Hahnbach passieren wir ein kurioses Denkmal, den "Radltrager", und rücken weg vom Verkehr, näher zur Natur. Wir genießen es, am Waldrand entlang einem Flusslauf zu folgen, auf den Weiden und in den Pferchen Kühe und Schweine zu beobachten. Letztere haben mit der Hitze des Tages zu kämpfen und suchen Linderung in den Wasserlöchern.
An der Bahnlinie entlang geht es hinein nach Amberg, durch ein etwas trostloses Industriegebiet. Dann schwenken wir auf die alte Strecke zurück zur Kontrolle an der Tankstelle. Dort machen wir Witze mit der jungen Kassiererin und warnen sie scherzhaft vor dem, was Ihr durch unsere wilden Verfolger noch bevorstehen könnte. Dann kontrollieren wir unsere Vorräte und langen beim Abendbrot kräftig zu. Auf den letzten 200 km brauchen wir ja fast nichts mehr zu essen. Außerdem spekuliere ich darauf, daß wir in der Nacht an einem Sonnwendfeuer eine zusätzliche Pause einschieben und uns eine Bratwurst oder ein Steak schmecken lassen. In den vergangenen beiden Tagen haben wir auf unserer Tour unzählige, für das Feuer vorbereitete Stapel gesehen. Volker und den anderen von weiter her angereisten Teilnehmern ist dieser Brauch völlig fremd. Eine eiserne Ration lassen wir übrig, alles andere wird aufgegessen, unser Rosinenzopf brüderlich geteilt.

Heimatkurs

Heute will ich es dann endlich einmal wissen und umfahre Amberg auf der Umgehungsstraße. Auf den 600ern war mir die Ortsdurchfahrt von Amberg wegen der mir bekannten Bäckerei sympatischer gewesen. Jetzt, zu dieser Uhrzeit, ist auf der Umgehung sowieso nichts los, wir sind satt, und lange brauchen wir ja auch nicht, bis wir wieder schmalere Straßen erreichen. Hier müssen noch einmal besonders anspruchsvolle Hügel bewältigt werden. Wenige Orte später in Ammerthal haben wir zum zweiten Mal Schwierigkeiten, die Steckenbeschreibung von Karl W. richtig umzusetzen. Das gleiche Problem wie in Raubling, nur hier begrenzt es sich auf ein kleines Kaff. Nach kurzer Suche finde ich Leute in einem Hof, die uns Ihr Straßennetz schildern. In gutem Glauben den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, geht es weiter. Doch schon vor dem Berg wissen wir, daß dies nicht Karl W´s Route gewesen sein kann. Wir greifen dennoch an, vertrauen auf unser Gefühl, wieder auf die richtige Strecke zurück zu finden. Mit Staunen stellen wir fest, daß der Berg immer steiler wird, und kein Ende zu nehmen scheint. Es ist mir egal und ich will es wissen: In gnadenlosem Wiegetritt, entgegen jeder Vernunft, treibe ich mein Rad nach oben. Volker folgt mit geringem Abstand. Oma, Enkelin und ein Bauer in einem Vorgarten schauen sich unser Treiben scheinbar entgeistert an. Ich glaube, wir sind auch die ersten, die ein Zeitfahren an diesem Anstieg veranstalten.

Oben angekommen konsultiere ich meinen Handgelenksarzt. Aber Dr. Polar schweigt, kein Kommentar. Der Puls, scheinbar festgenagelt auf 125 und flexibel wie eine Eisenbahnschiene, läßt sich bei dieser Aktion nicht steigern. Ich spüre kein Brennen oder Erlahmen in den Muskeln. Jetzt gelten keine Maßstäbe aus Trainingsplänen mehr. Meine persönliche Auswertung ließe sich wohl so an: die Organe und Muskeln scheinen sich zu sagen, „soll sich der Spinner da im Oberstübchen doch austoben. Wir machen jetzt Dienst nach Vorschrift und keinen Schlag mehr. Irgendwann wird er doch wieder vernünftig werden".
Wir fahren quer durchs Wohngebiet und zwei Straßen weiter finden sich wieder Schilder. Damit sind wir erneut auf Kurs. In die nächsten beiden, uns bekannten Wellen, fahren wir mit Schwung hinein, übertreiben es jetzt aber nicht mehr. Abendstimmung macht sich breit. Wir fahren nach Westen, blicken zurück auf Amberg, dann wieder scheint die Sonne flach von oben in die Straßenschneise eines Waldstückes. Im Gegenlicht fotografiert mich Volker und schon muß er den Foto wieder verstauen, weil eine lange Abfahrt folgt. Nach Lauterhofen berührt die Sonne fast schon den Horizont. Wir halten, genießen die letzten direkten Strahlen der Sonne auf dieser Tour, fotografieren erneut. Dann geht es schon hinein in den Schatten. Die Dämmerung wird uns noch eine Zeit lang erhalten bleiben. Ohne Zeitdruck lassen wir es laufen und es fällt auch gar nicht schwer, ein Tempo in den hohen Dreissigern zu halten. Mehr neben- als hintereinander fahrend unterhalten wir uns. Ich verspüre zwar nicht unbedingt einen Rauschzustand, fühle mich aber volkommen schmerzfrei, kräftig, tatendurstig - unzerstörbar.

Marlboro Country

Wir halten Ausschau nach den Feuern, können aber nichts erkennen. Die Gegend ist zu einsam. Erst bei Velburg sehen wir eine große, dicke, wie an der Schnur nach oben gezogene, graue Rauchsäule aufsteigen. Zufrieden stelle ich fest, dies wird keinen erwähnenswerten Umweg für uns bedeuten. In der Ortschaft haben wir den Platz auch gleich gefunden. Doch welche Enttäuschung. Hier kommen die Camper aus Ihren mobilen Behausungen mit dem selbst mitgebrachten Essen zusammen. Wir wollen nicht betteln, statt zu essen ziehen wir unsere Ärmlinge und Westen an, kehren wieder auf die Straße zurück. Etwas monoton folgen wir Berg und Tal, als die Dunkelheit um sich zu greifen beginnt. Ich überlege nach jedem durchfahrenen Ort, welcher als nächstes auftaucht und wie es dort wohl mit unseren Chancen steht. Wir wären so richtig zum feiern aufgelegt, doch eine Enttäuschung folgt der anderen.

Wieder vereint

Wir sind ja nicht unbedingt auf den Acker neben der Straße angewiesen. Aber soweit wir den Blick in dieser Vollmondnacht auch schweifen lassen, nicht das geringste Anzeichen eines Sonnwendfeuers. Nur ab und zu erkenne ich im Rückspiegel Lichtreflexe, aber die vermuteten Fahrzeuge kommen nicht an uns vorbei. Im Tal der Weissen Laaber sehen wir dann einen Lichtkegel, der scheinbar zu einem Mofa gehört. Wir werden lange verfolgt, hören kein Geräusch. In einer Abfahrt werden wir eingeholt. Wir können es kaum glauben, als wir unsere vier Kameraden erkennen, die uns jetzt begrüßen. Freudig berichten wir uns gegenseitig wie es uns in den letzten Stunden ergangen ist. Gemeinsam marschieren wir den nächsten Anstieg hinauf und auf der Höhe weiter. Das verbleibende Streckenprofil wird diskutiert, dann fliegen wir schon wieder hinunter nach Beilngries. Volker und ich haben scheinbar die schlechteren Nachtsichtgeräte, fahren außerdem hinten in der Gruppe. Erst in der Ortschaft findet sich die Gruppe wieder zusammen. Auf dem flachen Stück nach Kinding machen unsere vier „Nachzügler" ordentlich Tempo. Schwerfällig versuche ich, meinen Rhythmus umzustellen und zu folgen. Am Ortseingang erwartet uns dann ein Sonnwendfeuer nach meinem Geschmack. Dicke Balken, im Karree aufgeschichtet, lassen die Flammen meterhoch emporsteigen. Es herrscht fast Volksfeststimmung. Hier bin ich richtig. Doch der Stalleffekt zieht die Gruppe ins Ziel. Alleine will ich jedoch nicht zurückbleiben.

Goldene Reiter

Nach so langer Zeit im Sattel möchte ich dann schon gemeinsam mit den Kameraden ins Ziel fahren. Der letzte Boxenstop fällt nun wiederum erstaunlich lange aus. Endlich hat sich auch der letzte aufgerafft und wir steigen zum Finale in die Tretmühle. Wären wir Fuhrleute, könnten wir uns schon zur Ruhe begeben. Deren Zugtiere würden den Weg jetzt auch alleine finden, so oft sind wir die Strecke schon gefahren. Wir sitzen nicht auf dem Kutschbock sondern im Sattel unserer Räder, die wir aber gerne selbst ins Ziel fahren. An den letzten Anstiegen beweist jeder noch einmal Biß, und vorne machen wir nur soviel Druck, daß die Gruppe noch zusammen bleibt. Es wird eine wesentlich angenehmere Anfahrt als die gestrige, wo das Wasser an uns ja nur so herunter ran. Volker bannt die gute Stimmung noch ein letztes Mal auf Zelluloid. Die Kameraden blicken zur Uhr, die erhoffte Marke zwei Uhr werden wir wohl um wenige Minuten überschreiten. Das haben wir in der letzten Pause verbummelt. Mir spielt es eigentlich keine Rolle. Was soll das auch nach 54 Std. Mehr scherzhaft denke ich laut über die Möglichkeit nach, die Baustellendurchfahrt vor dem Ziel durch eine „Bergwertung" zu ersetzen und verbreite damit noch einen Schreck. Nur mit Volker alleine - wir hätten uns den Spaß gegönnt. Karl W´s Hochachtung wäre uns sicher gewesen. So folgen wir der offiziellen Route, sind in Gedanken schon angekommen, sehen uns vor dem ersten Weißbier sitzen, und ich erinnere mich an eine Tour, bei der wir in der Nacht an einer Versorgungsstelle mit Musik der Neuen Deutschen Welle begrüßt wurden. Der Goldene Reiter käme auch jetzt wieder gut an. Noch bevor wir absteigen resümiere ich, und versetze mich für einen Augenblick ins nächste Jahr, wo die Strecke um 200 km länger ausfallen wird. Sind dafür 66 Std. realistisch?
Dann taucht die lang ersehnte Alte Schule auf. Die milde Nacht läßt uns bald auf den Stufen draußen sitzen. Meine Gedanken springen auf der Strecke hin und her, lassen mich nochmals über einige Begebenheiten schmunzeln. Ich bin nicht so aufgedreht wie letzte Nacht nach unserer ersten Runde, eher mit mir selbst beschäftigt und einer nach dem anderen legt sich zur Ruhe.
Mit dem Gefühl des Erfolges, daß eigentlich alles machbar ist, wenn man will und der Frage „Was werde ich wohl als nächstes anstellen?" sinke auch ich zufrieden und müde in mein Bett.