1000 km durch Bayern - das Abenteuer beginnt in Osterdorf
Von Volker Schrenk, Stuttgart
Prolog:
Bayern 3 meldet am 20. Juni 2002 für den Abend und die Nacht Unwetter für große Teile Bayerns. Von Nord- und Südwesten bewegen sich heftige Gewitter auf Bayern zu. Der 21. Juni soll im Alpenvorland regnerisch werden....


20.06.2002, kurz vor 20 Uhr
17 Radfahrer stehen in Osterdorf am Start. Der Höhepunkt oder vielleicht besser DIE Herausforderung meiner Radsaison liegt vor mir: 1000 km in maximal 75 Stunden durch Bayern. Das weiteste was ich bisher auf dem Tacho hatte waren 624 km vom 600er Brevet in Osterdorf...Diese Distanz 1000 km ist faszinierend. Ich checke nochmals gedanklich durch, ob ich alles dabei habe: Regensachen, ein Trikot zum wechseln, eine Staude Bananen, zig verschiedene Riegel. Dazu noch Getränkepulver, Helmlampe, Ersatzteile fürs Rad u.s.w. Das Wetter meint es momentan auch gut - dicke Gewittertürme sind im Laufe des Abends über uns hinweggezogen, ohne abzuregnen. Was bleibt ist die schwüle Luft, die einem beim Warten auf den Start bereits das Wasser aus den Hautporen treibt. Nachdem Karl noch eine kurze Ansprache gehalten hat, geht es mit dem Startschuss auf die Super-Acht von Bayern. Die Strecke kenne ich ganz gut, schließlich sind es die 600 km Brevettour und die 400 km Brevettour aneinandergereiht, allerdings in umgekehrter Richtung.

Nach dem Start rollen wir ersteinmal gemütlich nach Papenheim, über die Altmühl und dann wartet schon die erste Steigung raus aus dem Tal. Bei rund 9000 Höhenmetern werden wohl noch einige weitere Berge auf uns zukommen - also lächerlich sich darüber Gedanken zu machen. In gemächlicher Fahrt geht es über Täler und Höhenrücken in Richtung Donau. Sollen die Beine ersteinmal warm werden. Nach wenigen Kilometern eine erste Reifenpanne in der Gruppe. Wir halten an. Jetzt allein zurückzufallen durch eine Panne wäre eine harte Nuss. Die schnelleren Fahrer warten, die anderen fahren schon einmal weiter.
Drei Dörfer weiter haben wir uns dann schon wieder zu einer Gruppe vereinigt.
Am Rand der Donauniederung geht der Blick weit ins Land, die Sonne ist hinterm Horizont verschwunden, einige rot angestrahlte Gewittertürme umrahmen die Szene. Nach Gewitterregen sieht es nicht unbedingt aus - aber nass fühle ich mich sowieso schon. Es ist immer noch unheimlich schwül. Nach der Donauüberquerung fahren wir in rascher Fahrt als großes Radlerfeld nach Wertingen - das Tempo wird schneller und ich muss schon konzentriert fahren, damit bei 30 bis 40 cm Abstand zum Vordermann nichts schief geht. Langsam gehen überall die Lichter an. In den Städten am Wegesrand schauen die Biergartenbesucher ein wenig irritiert, als wir an ihnen vorbei brausen. Noch sind alle dran. In Wertingen nach 66 km holen wir den ersten Stempel. Ich nutze die Tankstelle gleich um die Wasserflasche aufzufüllen. Nach kurzer Pause fahren wir als siebener Gruppe weiter. Mittlerweile ist es völlig dunkel und so wie die Straße aussieht waren die Gewitter glücklicherweise schneller als wir. Die Luft macht nun allerdings einen tropischen Eindruck. Sind wir schon am Amazonas? Vom Wald her könnte es ja stimmen. Nach der etwas eintönigen Landschaft mit Landwirtschaft, kleineren Wäldern und Dörfern, fahren wir nun in die westlichen Wälder von Augsburg. Der Verkehr ist auf null zurückgegangen - dafür hat die Anzahl von Kröten auf der Straße zugenommen. In leicht welligen Gelände fahren wir parallel zum Lechtal und "schießen" schließlich bei Schwabegg hinunter ins Tal. Bis hinter Landsberg wird es nun schön flach weitergehen. Am Horizont bildet der Antennenwald einer Sendeanlage eine Landmarke auf die wir zuhalten. Der Mond lässt sich mittlerweile auch blicken. Irgendwann ist die Anlage gleich auf - dann hinter uns...scheinbar zeitlos sind wir unterwegs. Wieviel Uhr es ist, ist bedeutungslos geworden - wohl ca. 1 Uhr. Mehr als die Zeigt beschäftigt mich mein Hintern - schon seit einiger Zeit plagen mich Sitzbeschwerden und das schon nach 140 km - nur noch 900 liegen vor mir...Hätte ich doch den neuen Sattel montieren sollen, den ich mir vor der Tour gekauft habe und der jetzt in Osterdorf liegt...

Landsberg am Lech: An der Tankstelle füllen wir kurz unsere Wasserflaschen und kaufen die ein oder andere Kleinigkeit. Vor der Tankstelle ist richtig was los - wir sind wohl gerade in ein Beziehungsdrama zwischen zwei nicht mehr ganz nüchternen Männer und zwei Frauen gefahren. Unterhaltung wie im Fernsehen... Schnell weiter und wieder raus in die Ruhe der Nacht. Auf der B17 geht es immer geradeaus in Richtung Süden. Die Straße verläuft schnurgerade und man sieht die wenigen Autos bereits auf Kilometer: Erst als ein Lichtpunkt am Horizont - im näherkommen werden zwei daraus...Die Strecke mag ich nicht besonders und fahre daher vorne ziemlich flott, um die Abzweigung in Richtung Epfach zu erreichen. Nach 13 km Mannschaftszeitfahren haben wir es dann auch geschafft und es geht auf einem kleinen Sträßchen über den Lech. Danach die erste Steigung seit langem. Raus aus dem Lechtal mit mehr als 14 % und rein in die hügelige Moränenlandschaft nach Wessobrunn. Dort ist unsere 2. Kontrollstelle in einem Café. Klasse mitten in der Nacht eine Insel zu haben, die extra für uns offen hat. Die einen essen Kuchen, ich eine Käsesemmel. Wir halten die Pause kurz und fahren rasch weiter. Die Weiterfahrt lässt mich ersteinma bibbern - es ist doch merklich kühler geworden. Aber noch kann ich ohne Weste oder Ärmlingen fahren. Die feuchten Klamotten isolieren ganz gut...über Weilheim geht es in Richtung Starnberger See. Mich beschäftigt wieder mein Allerwertester. Woher wohl die Druckstellen kommen?
Der Himmel wird langsam wieder heller, es ist heute der längste Tag, Sommeranfang. In Seeshaupt können wir im Vorbeifahren einen Blick auf den Starnberger See erhaschen. Von hier aus geht es nun in Richtung Bad Tölz gen Süden. Von Gewittern gibt es schon lang keine Spur mehr - außer der hohen Luftfeuchtigkeit. Da haben wir richtig Glück gehabt. Am Horizont zeichnen sich nun auch deutlich die Berge ab und es wird immer heller. Die Nacht ist geschafft und eine bayerische Bilderbuchlandschaft bewegt sich an uns vorbei...Kühe, Wiesen, Bauernhöfe, ein paar Steigungen und Abfahrten, die wir mit Elan nehmen.
In Bad Tölz ist die Kontrolle bei der Polizei. Nach einer kurzen Erklärung und Staunen im Gesicht der Beamten bekommen wir unseren Stempel und die die wollen noch einen Kaffee. Ich inspiziere meinen Sattel um die Ursachen meiner Sitzbeschwerden zu ergründen: Er ist so durchgesessen, dass ich direkt auf dem Stahl der Sattelstütze sitze - na da wundert mich nichts mehr. Wie war das: Das Modell ist gut gegen Impotenz - immer noch? Ich stopfe meine Ärmlinge zwischen Sattel und Stütze und siehe da, beim weiterfahren gibt es einige Linderung.
Von Bad Tölz aus geht es auf der Bundesstraße weiter Richtung Tegernsee. Leider ist es nun mit der Ruhe auf der Straße vorbei: Die arbeitende Bevölkerung ist nun auch in den Tag gestartet. Entschädigend für das Brummen des Verkehrs wirken die Nebelfetzen in den Wiesen, die Sonne über allem, die eine idyllische Stimmung erzeugen. Vorbei am Tegernsee geht es über einige Bergrücken nach Bad Feilnbach. Der grandiose Gebirgsblick belohnt für die Steigungen und es ist interessant im hellen zu sehen, wo man beim 600er Brevet im dunklen entlang fährt. Vereinzelt sehen wir weiße Flecken auf den Wiesen als wäre es noch Schnee vom Winter: Wohl die Spuren eines nächtlichen Gewitters, bei dem mächtig Hagel vom Himmel gefallen sein muss. Ab Bad Feilnbach sind die Gebirgsausläufer überstanden. Kurz danach wird es Zeit ein kleines Frühstück einzuwerfen. In Großholzhausen fallen wir über eine Bäckerei her...Bei der Weiterfahrt müssen uns die vielen Kalorien auf den Orientierungssinn geschlagen haben: In Kirchdorf verfahren wir uns mächtig bis wir den richtigen Weg in Richtung Chiemsee finden, der nicht über die Autobahn führen sollte, vor der wir stehen. Nach dem wir zurückfahren finden wir den richtigen Abzweig und nach einigen längeren und kürzeren Steigungen rollen wir in Prien am Chiemsee ein. Mehr als 300 km liegen nun schon hinter uns. Nach kurzer Pause und dem Auffüllen der Wasserflaschen fahren wir an der Nordseite des Sees entlang. Leider finden nicht nur wir die Gegend schön. Zahlreiche Urlauber in ihren Blechkisten, aber auch viele Radfahrer, sind unterwegs. Ob die in ihrem Urlaub so viele Kilometer zurücklegen werden, wie wir in weniger als drei Tagen?
Ab Seeon geht es wieder Richtung Norden - ich habe das Gefühl: Es geht zurück an den Start nach Osterdorf. Der Verkehr nimmt ab und die Landschaft wird hügeliger. Es ist mittlerweile wieder ziemlich heiß. Ob da wohl noch mal Gewitter kommen sollen? Laut Wettervorhersage war Regen im Voralpenland gemeldet, aber zum Glück haben sich die Wetterfrösche getäuscht. In Kraiburg kaufen wir gegen Mittag in einem Supermarkt ein.
Der Inn hat verhältnismäßig braunes Wasser als wir ihn überqueren. Es geht an Waldkraiburg vorbei, wo uns nun wieder starker Verkehr gefangen hält. Es scheint als würden alle nach Hause fahren, um das Viertelfinale Deutschland-USA zu sehen. Als Trost rede ich mir ein, dass während der Spielzeit der Verkehr abnehmen sollte...Kurz vor Lohkirchen ist die Straße gesperrt. Wir werden trotzdem sicherlich durchkommen und nehmen die gesperrte Passage in Angriff. Zumindest haben wir nun die Straße für uns. In Lohkirchen dann der Grund der Sperrung: Neue Kanalrohre für das Dorf und eine Herausforderung für uns. Wir müssen die Räder über die ausgehobenen Gräben tragen. Dazu bietet sich ein gespenstisches Bild: Bagger, LKW stehen alle offen da, aber kein Mensch weit und breit: Eine Nation im Fußballfieber...
Auf kleinen ruhigen Straßen geht es nun weiter: Immer auf und ab an vereinzelten Bauernhöfen und kleinen Dörfern vorbei. Schön zum durchfahren, aber hier wohnen...?
Unterwegs fahren wir dann mal ein kleines Rennen mit einem mit Heu beladenen Traktor. Landleben...Die nächste Kontrollstelle in Wörth kündigt sich schon Kilometer vorher durch die Kühlwasserfahne des Atomkraftwerks an der Isar an. Die Gegensätze könnten nicht größer sein. Die nächste Kontrollstelle ist der Rasthof an der Autobahn. Während die Autos Sprit tanken, tanke ich Wasser für meinen Körper. Sicherlich sind schon mehr als 10 Liter durch mich durchgelaufen, die ich per Verdunstung in die Umwelt abgegeben habe. Bei der Hitze kommt man kaum mit dem Trinken nach. Ich hoffe, dass mein Magen die viele Flüssigkeit aushält. Bisher hat es ganz gut geklappt.
Von Wörth aus geht es in Richtung Donau. Bis dahin liegen noch einige schweißtreibende Steigungen - aber auch wieder Abfahrten dazwischen. Von der Landschaft nehme ich nicht mehr unbedingt soviel war - es ist einfach zu heiß. In Schierling gehen wir in einem Supermarkt Getränke kaufen. Eine alleinige Verpflegung an den Tankstellen wäre ein teurer Spaß. In der langen Kassenschlange im Supermarkt erlebe ich dann unerwartet meinen Tiefpunkt: Der Schweiß rinnt trotz Klimaanlage, mein Puls wird rasch langsamer, ich merke wie sich langsam mein Kreislauf verabschiedet. Bloß schnell an der Kasse zahlen - mich hier auf dem Boden breit zu machen will ich nicht - hier soll nicht das Ende der Tour sein, schießt es mir durch den Kopf. Als ich endlich an der Kasse dran komme ist es wie eine Erlösung. Draußen setzte ich mich erst einmal. Nach zehn Minuten geht es mir besser und es kann weitergehen.
Mittlerweile schieben sich bedrohlich schwarze Gewitterwolken am Himmel zusammen. Die Anfahrt zur Donau wird zum Gruppenzeitfahren. Startschuss gibt ein Blitz, auf den fast unmittelbar ein Donner folgt. Angefeuert werden wir durch einzelne große Regentropfen. Hinzukommt ein unangenehm starker Gegenwind. Wir schaffen es, rauschen unter der schwarzen Wolkendecke durch, bleiben trocken und radeln über die Donau.
Bei Bergmatting kommt eine heftige Bergetappe, aber auch nach 480 km kann uns der Berg nichts anhaben und wir fahren ihn klein. Auf uns wartet nun eine entspannende und wunderschöne Etappe entlang der Laaber nach Deuerling. In diesem idyllischen Flusstal geht es vorbei an Kalkfelsen und traumhaften Flussabschnitten, die mich stark an das Dordogne-Tal in Frankreich erinnern. Welch Abwechslung zur bisherigen Landschaft.
In Deuerling weist uns ein großes Schild "Randonneure 1000 km" direkt den Berg hoch. Die 6. Kontrolle findet bei Karl Meixensberger Zuhause statt. Diese Kontrolle auf dem Berg müssen wir uns regelrecht verdienen - aber der Weg lohnt sich. Es gibt leckere Spaghetti, die ich erst gar nicht genießen kann. Ich muss meinen Magen wieder an die Festnahrung gewöhnen - die viele Flüssigkeit fordert ihren Tribut. Ganz langsam schaffe ich die Riesenportion und bin froh den Teller leer zu bekommen. Das gibt Kraft für die weiteren Kilometer...
Nach Laaber erwischt und trotz Sonnenschein ein leichter Regenschauer, der bei den Temperaturen kein Problem ist und ich unter dem Motto "Oberflächenkühlung" verbuche. Hinter uns sehen wir eine dunkle schwarze Wand, aus der Blitze niederschießen - wir radeln hingegen in die Abendsonne.
Die Sonne und die einzelnen Gewittertürme sorgen für eine dramatische Kulisse am Himmel. Bei Berching überqueren wir den Rhein-Main-Donau-Kanal, danach geht es 14 % hoch. Kein Wunder dass ich hier beim 600er Brevet meine Höchstgeschwindigkeit hatte...Die Gegenrichtung zieht sich...Oben radeln wir einige Kilometer auf der Hochfläche, bevor es wieder in neue Täler geht. Auf den kleinen Straßen ist so gut wie nichts los und das fahren ist sehr entspannend.
In Kinding machen wir noch einmal eine kurze Pause an der Tankstelle, bevor es auf die Schlussetappe geht. Morgen werden wir hier unseren letzten Stempel holen und dann fast die 1000 km voll haben...Wie ich mich dann fühle und was meine Sitzmuskulatur sagt?
Wir fahren in Richtung Eichstätt. Am Ende des Tales wird die Straße zweispurig und es geht auf die Jurahochfläche. Die wenigen Autofahrer werden von sich aus schon langsam, wenn sie die sechs Lampen oder Rücklichter auf der Straße sehen: Ein Schwertransport? ein Ufo? - manche bleiben stehen...
Wir freuen uns als wir die Hochfläche erreichen. Es geht nun mehrfach durch Wälder und große Freiflächen, in denen einige Nebelbänke liegen. Es zieht sich ziemlich und wir sind alle froh, als wir endlich den Wasserturm erblicken, der an der Abzweigung Richtung Treuchtlingen/Osterdorf steht. Nach rund 600 km fühle ich mich ganz gut, von Müdigkeit keine Spur. Der Nebel wird nun immer dichter und wir erkennen kaum noch die Ortschaften oder wo wir uns gerade genau auf der Strecke befinden. Ich muss immer wieder meine Brille putzen, um die Straße noch erkennen zu können. Die Feuchtigkeit zieht so in die Klamotten, als würde es regnen. Vom Radhelm tropft es...Der Gedanke an eine heiße Dusche wird immer stärker...
In Göhren wenige Kilometer vor Osterdorf eine Baustelle: Eine Runde Schotterpiste mit dem Rennrad. Wenige Kilometer später haben wir es geschafft und rollen kurz nach 1 Uhr morgens ins nebelige Osterdorf ein. Sven und seine Freundin nehmen uns in Empfang. Teil 1 - der untere Bauch der acht - ist geschafft! Nach meiner Ankunft montiere ich als erstes den neuen Sattel: Auch wenn er neu ist und ich bisher wenig auf ihm gefahren bin: Schlimmer als mit dem alten kann es nicht werden. Anschließend geht es duschen und es gibt einen Berg Lasagne, den ich verdrücke. Meinem Magen geht's wieder prächtig. Beim Essen diskutieren wir die Startzeit für den 2. Teil der Tour. Während die anderen doch lieber ausschlafen wollen, entscheiden sich Stefan und ich zum Aufstehen um 5 Uhr. Drei Stunden Schlaf müssen genügen...

Samstag, 22. Juni 2002, 5 Uhr
Heidi steht vor mir, es ist 5 Uhr. Ich habe geschlafen wie ein Stein. Ich fühle mich gut, kein Muskelkater, die Knie sind ein wenig schwammig - aber das ist wohl normal. Mein Po ist da schon seltsamer - die Druckstellen haben sich zu zwei Blasen verwandelt - ich dachte bisher, so etwas gibt es nur an den Füßen. Mal sehen wie das Sitzgefühl sein wird...Stefan ist auch wach. Wir lassen uns Zeit mit anziehen, fertig machen und Frühstück. Die anderen Mitfahrer unserer Gruppe sind z. T. auch wach, wollen aber noch nicht mit uns aufbrechen. Draußen ist die Temperatur angenehm, der Nebel hat sich fast ganz verzogen. Kurz nach sechs starten wir. Das erste Absitzen im Sattel zeigt mir: ES GEHT!!! Eine Welle der Euphorie durchbebt mich. Die 1000 km sind zu schaffen - kein Zweifel.
Von Osterdorf aus geht wieder ins Tal der Altmühl, aber jetzt in Richtung Weißenburg. Der 400er Brevet rückwärts ist angesagt. Den ersten Teil der Strecke sieht man nun bei Tag - sonst kommen wir hier immer in der Nacht am Ende des 400er entlang. Bis Weißenburg fahren wir parallel zur Bundesstraße auf einem Radweg, dann geht es auf kleinen Sträßchen weiter. Viele Gebäude in den Dörfern sind aus Sandsteinen gebaut, in den Gärten blüht es. Fahre ich durch eine Tourismuswerbebroschüre? Das Gelände ist ziemlich wellig - ein ständiges auf und ab. In einem Dorf wieder eine Baustelle. Das Rennrad wird zum Mountainbike. Auf die Frage ob die Straße wohl noch in diesem Jahr fertig wird, hat ein Dorfbewohner auch keine Antwort. Dafür sind andere Baustellen die uns noch vor ein paar Wochen herausgefordert haben Geschichte und die Straßen empfangen uns mit einem neuen glatten Asphaltbelag.
Mittlerweile ist die Sonne aus dem Hochnebel hervorgekommen, es geht ein leichter Wind und es macht Spaß unterwegs zu sein. In Roßdorf treibt uns der Appetit nach Rosinenbrötchen in einen Supermarkt - leider scheint es momentan in Bayern diese leckere Backwerk nicht zu geben und wir kaufen statt dessen einen Hefezopf, der im Rucksack die nächsten 200 km mit uns fährt.
Kurz vor der ersten Kontrolle in Heßdorf sehen wir vor uns eine Rennradler, wir verspüren den Reiz das Tempo anzuziehen, um ihn einzuholen, aber bleiben realistisch: Nur nicht zu viele Körner verbrennen...
In Heßdorf nach 723 km oder rund 100 km nach unserem 2. Start in Osterdorf holen wir uns wieder einen Stempel ab. Das obligatorische Tanken - Füllen der Wasserflaschen - schließt sich an, bevor es weitergeht. Die Landschaft wird nun flacher, nach dem Durchfahren eines Waldstückes kommen wir in ein großes Tal, von wo aus es zum Rhein-Main-Donau-Kanal geht. Als wir uns mit einer Straße unsicher sind fragen wir, aber die Richtung stimmt. Mit Rückenwind wird das nun eine angenehme Fahrt im 30 km-Tempobereich. Am Wegesrand huschen wir an blau-blühenden Äckern vorbei.
Nach der Überquerung des Rhein-Main-Donau-Kanals machen wir kurz in einem Supermarkt halt. Stefan braucht ein paar Bananen, ich will mal nach Reiswaffeln schauen, die ganz gut für den Magen sein sollen.
Vor Hirschaid wird der Verkehr wieder ziemlich dicht. Wir entscheiden uns hier in eine Pizzeria zu gehen: Eine Portion Pasta bevor es zum Hammerberg der Tour geht: 19 % laut Wegbeschreibung, da ist Nudelpower das Richtige.
Nach einer kurzen Rundfahrt durch Hirschaid finden wir den geeigneten Ort und schaufeln eine Portion Spaghetti in uns rein. So gestärkt starten wir zur Bergetappe. Direkt nach Hirschaid geht es eine erste Rampe hoch. Mein Wunsch nach ein paar Wolken vor der Sonne, die ziemlich heiß vom Himmel brutzelt, scheint Petrus manchmal zu erhören, und schenkt Abkühlung...Amüsant finden wir ein an einem Bauernhof ein aufgeschichteter Berg aus Paletten und Holzabfällen. Das Johannesfeuer ist wohl eher ein kleines Entsorgungsfeuer. Ich bin schon gespannt wie die Nacht werden wird, wenn überall die Feuer angehen werden. Ein Brauch den ich aus Baden-Württemberg nicht kenne.
Nach dieser ersten Rampe sehen wir am Horizont Bamberg. Bei der Weiterfahrt werde ich fast von einem Pferdeanhänger vom Rad gestoßen: Der Fahrer hat wohl nicht gemerkt, dass sein Anhänger breiter als sein Auto ist. Ich merke nur noch einen Luftzug, da haben cm gefehlt...
Die Straße in Richtung Zeegendorf gibt einen ersten Vorgeschmack auf die bevorstehende Steigung. Der Asphalt ist rauh wie Schmirgelpapier, dazu brennt die Sonne unerbittlich vom Himmel. Nach Zeegendorf geht es bergan - aber das Schild zeigt nur 18 %. Mit jeder Kurbelumdrehung kommen wir höher und nach knapp 2 km sind wir oben. Zwei Gipfelfotos von unserem persönlichen "Alpes D'Huez" schließen dieses Kapitel ab.
Von nun an geht's bergab. An Heiligenstadt vorbei rauschen wir gegen Ebermannstadt. Der Wind kommt mal von vorne, mal schiebt er uns wieder an. Nach der recht flachen Gegend um den Rhein-Main-Donau-Kanal bietet die Gegend wieder Abwechslung fürs Auge. In Hirschaid diskutierten wir noch, ob in Ebermannstadt noch der Supermarkt auf haben wird, um dort ein Stück Kuchen zu essen...Es ist kurz nach 15.00 Uhr als wir Ebermannstadt erreichen und er hat offen: Wir lassen uns die süßen Kalorien schmecken. Von Ebermannstadt geht es nun mitten durch die herrliche Landschaft der Fränkischen Schweiz. Eine längere Straßenbaustelle lässt mich befürchten, hier wird die Landstraße zur Autobahn ausgebaut - ob das in dieser Gegend notwendig ist? - oder wird es gar ein Radweg, um die Radler von der Straße zu verbannen?
Durch das Tal der Trubach, an deren Oberlauf herrliche weiße Kalkfelsen in der Landschaft zum klettern einladen, ist das Fahren ein Hochgenuss. Das Wasser des Flusses ist zum reinspringen - bei den Temperaturen ein reizvoller Gedanke. Nach Obertrubach klettern wir auf unseren Drahteseln aus dem Tal heraus. Es folgt nun ein auf und ab - bis wir den Veldensteiner Forst erreichen. Zuerst geht es fast rollend durch den Wald. Die Nadelbäume und die schnurgerade Straße erinnern mich an Schweden. Im weiteren verlauf der Walddurchfahrt stelle ich mir dann mehrmals die Frage, ob wir hier schon einmal beim 400er lang gekommen sind. Die Walddurchfahrt zieht sich unheimlich in die Länge. An manche Steigungen kann ich mich gar nicht erinnern: Was man auf der 400er bergab fährt, vergisst man wohl zu schnell...Vorbei an riesigen Johannesfeuer-Holzbergen, wo die Leute noch am Bierbänke aufstellen sind, und durch Dörfer nähern wir uns Auerbach. Die Strecke dahin hat Karl im Vergleich zum 400-Original ein wenig geändert, so dass ein paar Steigungen und Kilometer wegfallen. Dafür geht es auf die Bundesstraße. Aber das nehmen wir ganz gern in Kauf. Die 9. Kontrolle in Auerbach ist frei wählbar. Wir entscheiden uns für die Tankstelle am Ortseingang - nicht zuletzt wegen der Toiletten, die jetzt genau im richtigen Augenblick kommen.
Von Auerbach aus geht es weiter auf der Bundesstraße. Dadurch dass die Straße so breit ist, ist der Verkehr erträglich. Es warten dicke Steigungen auf uns, aber da die Strecke durch Wald führt, ist es ganz angenehm.
Ich habe das Gefühl, dass die Entfernungen zusammenschrumpfen. Es ist eine Fahrt durch die Landschaft, ohne dass es irgendwie anstrengend ist oder etwas schmerzt. Mein Hinterteil merke ich schon lange nicht mehr richtig. Wahrscheinlich scheinen die Nervensynapsen gar keine Lust mehr zu haben, Alarm zu schlagen, weil es sowieso nichts bringt. Mein Herz schlägt auch ruhig und gleichmäßig. Bei Anstiegen wird es nur noch minimal schneller, über 145 Schläge pro Minute steigt der Puls so gut wie gar nicht mehr. Da scheint eine Langstrecken-Schubabschaltung zu funktionieren.
Ab Gaisach verlassen wir die Bundesstraße und fahren parallel zur Grenze des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr. Ich denke die Zeit läuft rückwärts und ich radle in den 50er Jahren: In der herrlich grünen Landschaft stört kaum ein Auto die Ruhe. Die Straßenbegrenzungspfosten sind aus Holz...
Ab Sorghof wird der Verkehr wieder dichter, da wir wieder auf eine Hauptstraße einbiegen. Es kommen nun zwei lange Steigungen, die wir im Stehen niederfahren. Auf den anschließenden Abfahrten nehme ich ein wenig Geschwindigkeit heraus. Ich will sicher ins Ziel kommen und nach mehr als 800 km bin ich für Vorsicht.
Da uns der Verkehr ziemlich stört, biegen wir ca. 12 km vor Amberg von der Hauptstraße ab und fahren auf einem Radweg in Richtung Amberg weiter, den Stefan von anderen Touren her kennt. Idyllisch geht es an einem Flusslauf entlang, auf einer großen Wiese fühlen sich zig freilaufende Schweine wohl. Eins schaut nur noch mit dem Kopf aus dem Wasserloch und blickt uns an. Es wird sich seinen Teil gedacht haben...
In Amberg hat uns die Straße wieder. Vorbei geht es an einem Industriegebiet, wo die alte Schwerindustrie darauf wartet, von neuen Betrieben abgelöst zu werden. An der Kontrolle essen wir quasi zu Abend und genießen den Rosinenzopf, der die letzten 200 km reifen konnte. Die Tankstellenangestellte schaut ein wenig ungläubig als wir uns outen und sie vor den nächsten Radlern warnen, die irgendwann auftauchen werden.
Auf der Umgehungsstraße umfahren wir die zahlreichen Ampeln in Amberg und erreichen mit der Straße nach Ammerthal wieder ruhiges Terrain.
In Ammerthal suchen wir den Weg nach Kotzheim. Das Fragen eines Einheimischen eröffnet uns zwei Möglichkeiten: Die, die wir wählen ist kurz und heftig. Das sind jetzt wohl wirklich 21 % schießt es mir durch den Kopf. Auf einem kleines Sträßchen keulen wir aus dem Tal heraus, direkt durch spielende Kinder und Familien, die den Samstagabend genießen. Verrückte Radfahrer, ist sicherlich der Gedanke der Zuschauer...Ob der Name von Kotzheim von Radlern kommt ist eine andere Frage.
Nach der Unterfahrung der Autobahn geht es in der untergehenden Sonne durch Waldgebiete, es folgen Abfahrten und Steigungen. Die Luft ist herrlich klar und alles ist in das goldgelbe Licht der tief stehenden Abendsonne getaucht. Bei Lauterhofen kommt die letzte Steigung für längere Zeit. Oben auf der Hochfläche blicken wir zum letzten Mal in die untergehenden Sonne. Unter die Räder bekommen wir nun eine super ausgebaute Straße, auf der die Reifen nur so schnurren. Es geht leicht bergab und wir können wieder mächtig Tempo machen.
In die Dämmerung hinein sehen wir in der Ferne nun vereinzelt die Rauchsäulen der Johannesfeuer senkrecht in den Himmel steigen. Eine Bratwurst an einem solchen Feuer zu essen wäre eine schöne Abrundung des Abends.
Unsere Abendstimmung wird nur manchmal von tiefergelegten Autos unterbrochen, deren Inhalt auf dem Weg in irgendeinen Zappelschuppen ist. Hinter Velburg steigt aus einem Dorf eine Rauchsäule auf - da werden unsere Bratwürste zubereitet. Aus der Nähe sehen wir auf der anderen Talseite ein Riesenfeuer. Mit Elan halten wir darauf zu. Beim näherkommen sehen wir, dass es auf einem Campingplatz ist - aber das hält uns auch nicht ab. Vor dem lodernden Haufen erfahren wir dann, dass es sich um ein Campingplatzjubileum handelt: Wir können gerne bleiben, aber Würstchen gibt es nicht mehr und für uns somit keinen Grund zu bleiben. Wir machen kehrt, nutzen den Abstecher um uns Nachtfest anzuziehen, und das bedeutet diesmal, dass ich Armlinge, Beinlingen und meine Weste anziehe. Die Nacht wird kühl...Wir fahren wieder weiter und ich bin froh, als wir die Hochebene verlassen und dem Flusslauf der Weißen Laaber folgen, was doch einfach abwechslungsreicher ist. Kurz vor Oberbürg tauchen hinter uns vier Scheinwerfer auf. Nach einem Auto sieht das nicht aus: Karl, Robert, Michael und Johannes haben uns eingeholt. Mit unserer Vereinigung hat sich dann für sie eine Frage gelöst, die sie seit Auerbach beschäftigt hat: An den Tankstellen erkundigten Sie sich immer nach unserem Vorsprung. In Auerbach erfuhren sie, dass wir einzeln mit zehn Minuten Abstand gekommen wären. Daraufhin haben sie sich die Frage gestellt, ob Stefan und ich uns nicht mehr verstehen würden oder irgendwas vorgefallen ist. Dabei waren es nur die Toilettenbesuche die uns einzeln in die Tanke haben gehen lassen.
Nachdem wir nun gemeinsam die Steigung bei Oberbürg erklommen haben, geht es nach rasender Abfahrt bei Beilngries über den Rhein-Main-Donau-Kanal. Von dort legen wir einen Zahn nach Kinding zu. Nun hat es Vorteile, dass wir so viele Radfahrer sind: Die Autofahrer halten respektvoll an den Kreuzungen an bzw. bremsen ab. Das Vorhaben einen belgischen Kreisel zu fahren lassen wir nach einem Versuch doch besser bleiben.
In Kinding fahren wir an einem riesigen Johannesfeuer vorbei. Die ganze Stadt scheint dort zu sitzen und zu feiern. Für eine Wurst sind wir nun zu nahe am Ziel.
In Kinding holen wir den letzten Stempel an einer Tankstelle und fahren nach kurzer Pause weiter. Leider fällt mein Vorderlicht nun aus - aber bei fünf Scheinwerferkegeln kann ich das in Kauf nehmen. Die letzte Etappe ist nun identisch mit dem Vortag - nur diesmal sehen wir auch etwas. Es ist klar und hat keinen Nebel - der Mond scheint über allem.
Eine wunderschöne - aber durch die Temperaturen auch harte Tour - neigt sich dem Ende zu. Um 2.08 in der Frühe rollen wir in Osterdorf ein: Es ist geschafft!!!
In 54 Stunden und 8 Minuten haben wir eine Acht durch Bayern gezogen, die 1030 km lang ist. Wahnsinn, ich kann es gar nicht richtig glauben. Die letzten 400 km erscheinen mir wie eine längere Radtour, ohne größere Anstrengung.
Wir freuen uns auf das erste Weizen... und unser Bett!!!