Osterdorf 2009: 200km-Brevet mit dem Velomobil

Ob ich es wirklich tun sollte? Ich habe ja schon viel schauerliches über Karls Brevets gelesen und einige Zacken in den Höhenprofilen der Osterdorfer Brevets entdeckt. Sollte ich da tatsächlich mit meinem knapp 40kg schweren Velomobil mitfahren wollen? Na irgendwie wird's schon gehen, also erstmal anmelden...

Ein kurzes Fazit vorab: Grundsätzlich ist Osterdorf auch mit dem Velomobil gut zu fahren, wenn:
- man eine bergtaugliche Schaltung hat
- zumindest beim Quest Bremsschirme dabei hat
- sich keinen Illussionen hingibt, der Schnellste sein zu wollen.

Geht man das Ganze entspannt an, kann man wunderbare, wenig befahrene Sträßchen in einer wunderschönen Landschaft erleben und hat als Velomobilfahrer den Vorteil, dass man wesentlich mehr andere Fahrer trifft, weil man sich gegenseitig des öfteren überholt oder an leichten Steigungen Schwätzchen mit immer neuen Fahrern halten kann. Gerade letzteres macht das Fahren mit dem Velomobil dort sehr reizvoll.

Angereist bin ich schon Freitag nachmittag. Die Strecke war mit 140km deutlich länger als ich erwartet hatte. Aber 140km am Stück mit ordentlichem Rückenwind zu fahren, das hat schon was. Und das Ganze noch viele Kilometer leicht bergab Richtung Donau. Man fährt ganz entspannt und hat des öfteren 50-60km/h auf dem Tacho. Nur konzentriert muss man fahren. Irgendwann kommt dann doch mal wieder bei Tempo 60 eine Seitenwindböe wie ein Hammer. Am Abend kam ich dann in Osterdorf an und wurde gleich von Karl und Heidi herzlich begrüßt. Die freundliche und familiäre Atmosphäre macht zusammen überhaupt erst den Reiz von Osterdorf aus. Ich habe mich auch als Neuling gleich wohl gefühlt, auch wenn ich nicht mitreden konnte, wenn die "wuiden Hunde" von ihren 1200km-Heldentaten erzählt haben. Vor allem scheinen sie alle eine unglaubliche Leidensfähigkeit zu besitzen. Eine Eigenschaft, die mir doch abgeht - weshalb ich ja auch Velomobilfahrer geworden bin...

Pünktlich um 9:00 Uhr ging's am nächsten Morgen los. Karl war etwas traurig ob der 25 Absagen durch das vorhergesagte schlechte Wetter und meinte, einen Brevetfahrer habe so etwas nicht zu stören. Hat es augenscheinlich die meisten auch nicht, die haben sich halt gut eingemummelt auf den Weg gemacht. Wobei wir Glück hatten, denn das Plattern am frühen Morgen war zu einem leichten Nieseln geworden. Allgemeiner Neid kam auf, als ich in kurzer Hose und kurzem Trikot ins Quest stieg...

Ich bin erstmal etwas hinterhergezuckelt, denn das Terrain war zu Beginn eher etwas ansteigend und ich hatte mir fest vorgenommen, es ruhig angehen zu lassen. Außerdem muss man ja als Neuling nicht gleich nach vorne preschen. Nach einigen Kilometern zog sich dann das Feld in die Länge und bergab konnte ich dann auch ab und an am Feld vorbeiziehen, um zwei Minuten später am Anstieg wieder überholt zu werden. Das ganze ging ohne jegliches Murren seitens der rennradelnden Randonneure ab, jeder hat auf den anderen achtgegeben.

Die erste Strecke bis etwa Kelheim war durchaus velomobilfreundlich. Oftmals war es möglich, in welligem Terrain Schwung mitzunehmen und mit ordentlich Fahrt den nächsten Hügel hochzuschießen, vorbei an Randonneuren im Wiegetritt. Oft ging das bis in 3/4 der Hügelhöhe, so dass ich zumindest keine Zeit verloren habe.

Hinunter nach Kipfenberg kamen dann meine neue Bremsschirme zum Einsatz. Neu deshalb, weil ich mir deutlich größere Schirme mit Loch zur Stabilisierung in dem Mitte habe machen lassen. Die Bremsleistung ist nun sehr gut (so gut, dass mir einmal die unterdimensionierte Halteleine gerissen ist....) und sie sorgen dafür, dass auf langen Abfahrten meine beiden Trommelbremsen nicht überhitzen. Dies ist das größte Manko beim Quest: Die (ansonsten genial wartungsarmen und völlig ausreichenden) Trommelbremsen müssen ein schweres und windschlüpfriges Rad abbremsen und sind auch noch durch die Radverkleidung vom kühlenden Luftstrom abgeschnitten. Aber zusammen mit Bremsschirmen sind sie dennoch eine vollkommen ausreichende und alltagstaugliche Art, das Rad abgebremst zu bekommen.

Hinter Kipfenberg ging es dann gemächlich wieder bergauf zur ersten Kontrollstation in Denkendorf. Bei diesem Anstieg habe ich mit mehreren anderen Fahrern kurze Schwätzchen gehalten, bis sie dann an mir vorbeigezogen sind. Sehr nett, man wird abgelenkt und ist plötzlich oben. An der Kontrollstelle eine Butterbrezel gekauft und beim Weiterfahren genüsslich gemampft. Hinter Pondorf dann die High-Speed Strecke des Brevets. Auf dem Plan standen 13% Gefälle und ich wollte schon vorsorglich den Bremsschirm werfen, bis mir aufgefallen ist, dass die Landschaft gar nicht so tief nach unten geht. Also einfach rollen lassen. Bei 84km/h stieg wieder der Tacho aus weil die Frequenz des Magneten an den kleinen 20-Zoll Rädern zu hoch für den Radcomputer wurde - und ich beschleunigte stetig weiter. Ob es dreistellig war, kann ich nicht sagen, aber zumindest war's schnell genug, auch auf der gut ausgebauten übersichtlichen Straße. Ein Stück weiter ging es wieder nach oben, einige Randonneure im Wiegetritt, an denen ich mit Tempo 50 vorbeigerauscht bin. Da ich diesen Hügel komplett mit Schwung plattfahren konnte, haben die mich erst später wieder gehabt.

Der Regen hatte aufgehört und ich meinen Schaumdeckel verstaut. Cabrio Fahren ist halt doch einfach schöner. Den Weg durch Kelheim fanden wir zu zweit, danach ging es wieder stetig nach oben, teilweise relativ steil, aber sehr gut fahrbar. Zurücklehnen, entspannen, Landschaft anschauen und gemütlich vor sich hintreten, dann geht das gut und ohne Pulsorgien.

Der Edeka in Ihrlerstein weiß, warum er Kontrollstelle ist. So ziemlich jeder hat hier Mittagspause gemacht und ordentlich eingekauft. Fleischpflanzerlsemmel und Cola sind ein guter Treibstoff fürs Weiterfahren. Dummerweise fingen meine Füße etwas an zu krampfen, aber nach dem Ausziehen der Schuhe konnten auch die sich wieder beruhigen und ich hatte den Rest der Fahrt meine Ruhe. Im weiteren Verlauf wurde die Straße neu gemacht, ein linksseitiger Radweg angelegt und auf der Straße ein Radfahrer-verboten-Schild aufgestellt. Ganz toll. Und das beste: Wenn man nicht schon vorab über die Straße gefahren war, kam man erstmal gar nicht mehr auf den Radweg. Heldenhaft gebaut. Also geradeaus weiter, bei der nächsten Möglichkeit auf den Radweg und dort weiter bergauf. Oben angekommen, nichts wie runter vom Radweg und rechtswidrig wieder auf die Straße. Aber bei über 60km/h geht Sicherheit vor.

Ein Stück weiter kam Gegenwind zum Anstieg dazu. Ich wunderte mich schon, warum die anderen am Berg auch nicht schneller waren als ich, der Wind war mir erst gar nicht aufgefallen.

Ich war jetzt oft zusammen mit Felix und seinem Tiefstlieger unterwegs. Zwar fuhren wir unabhängig voneinander, da unsere Geschwindigkeiten stellenweise doch deutlich auseinanderlagen, aber unsere Schnittgeschwindigkeit war identisch und so sahen wir uns dauernd wieder und hatten Gelegenheit zum Plaudern. Zwischen Beilngries und Kinding hatte Karl nochmals eine Bergwertung eingebaut, inclusive Kontrollfrage. Ich hatte das bei der Ansprache vor der Abfahrt nicht richtig mitbekommen und auch keine Ahnung, was die drei Kreuze auf dem Streckenplan bedeuten. Aber zum Glück gibt's andere Fahrer, die dort gerade beieinander standen. Also kurzes Foto des besagten Schildes gemacht und ab ins Tag über Serpentinen. Im Sommer käme das Quest hier wohl an seine Grenzen, aber bei den kühlen Temperaturen und Wasserkühlung durch den gerade wieder einsetzenden Regen, sowie mit Bremsschirm gab es auch hier keine Probleme.

In Kinding noch mal kurze Rast zusammen mit durchnässten Mitradlern und dann ging es an die Flachetappe durch's schöne Altmühltahl, die aber vom Hammer des Brevets schlagartig beendet wurde: 15% Steigung hinauf nach Schernfeld. Aber mit viel Geduld geht auch das. Lediglich an einigen Stellen mit Schmutz auf dem Asphalt drehte das Hinterrad durch. Aber die eigentliche Gemeinheit kam danach. Oben angekommen ging es wieder bergab, um eine Kurve und dort wartete der nächste 10%er, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Also auch den hochgekurbelt, durch den nächsten Ort und wieder hinunter ins Altmühltal. Dort ein paar hundert Meter in der Ebene gefahren und wieder nach oben. So eine Strecke würde ich mir selbst nie fürs Velomobil raussuchen, aber nichtsdestotrotz hatte sie ihren eigenen Reiz. Inzwischen ging die Sonne unter, aber dieses ansteigende kleine Sträßchen ohne jeglichen Verkehr, dampfender Wald und Wiesen, der letzte kleine Schneerest des Winters, das war schon traumhaft, so dass ich das Licht aus ließ und mit offenen Sinnen und 7km/h durch die im Dunkel versinkende Landschaft rollte.

Schließlich kam ich bei Dunkelheit wieder in Osterdorf an, der 200er war geschafft, mein Schnitt lag bei "grandiosen" 23km/h. Schnell noch meinen Akku aufgeladen, schließlich wollte ich noch weiter nach hause, dann gab's die leckere Flädles- (Pfannkuchen-)Suppe von Heidi. Während der Akku noch geladen wurde, hatte ich Zeit, mich mit den Leuten zu unterhalten und zu regenerieren. Immer wieder trudelten verschwitzte Radler ein. Die spät ins Ziel Gekommenen wurden mit Applaus begrüßt. Ich finde es unheimlich schön, dass auch sie noch so empfangen werden, eine warme Bude, eine Dusche und eine heiße Suppe vorfinden. Wie ich so in den Gesprächen mitbekommen habe, ist das wohl nicht überall der Fall.

Gegen halb zwölf dann machte ich mich auf zu meiner Nachtfahrt über die B2 nach Donauwörth und dann über Nebenstraßen weiter nach hause. Die B2 hat einige gemeine Zieher drin, ist dort aber zweispurig und Samstag nachts recht wenig befahren. Die Abfahrten entschädigen dafür aber auch. Auf der anderen Seite der Donau ging's dann ganz allmählich wieder "hoch" nach Augsburg. Ich hab mich eigentlich recht gut gefühlt und kurbelte ganz gleichmäßig nach hause. Als ich dann aber mal auf den Tacho schaute, waren meine gefühlten 35km/h dann doch nur wahre 25km/h. Irgendwie geht müde und mitten in der Nacht ein wenig meine Einschätzung verloren. Aber: Das langsame Heimkullern hat mich rein gar nicht gestört. Das ist dann wohl so die Geschwindigkeit, die ich auch langfristig fahren kann. Nicht besonders berauschend, aber es geht vorwärts. Gegen halb sechs am Morgen war ich zu hause, mein Tacho zeigte knapp 320km, meine längste Strecke bisher, die ich mehr oder weniger am Stück gefahren bin.

Am Tag danach hatte ich leichten Muskelkater in den Schenkeln, aber sonst ging's mir gut und ich hatte ein wunderbares Erlebnis hinter mir.