Erlebnisbericht zum 200km-Brevet 2003

Ob jene Dorfältesten, sich wohl im Entferntesten der unheilsschwangeren Konsequenzen bewusst waren, als sie ihren Ort so nannten? „Winden" werde ich wohl so schnell nicht wieder vergessen. Vielleicht hätte man es lieber „Stürmen" nennen sollen, denn das tut`s schon die ganze Zeit, und zwar von vorne. Und kalt. Grade strampeln wir an einem kleinen Denkmal mit zwei Zwergbüschen vorbei - muss wohl im Gedenken an einen unbekannten Radler errichtet worden sein, der hier dermaleinst dem Gedanken an sein warmes Bett erlegen war...
Dabei war es bis dahin so gut gegangen! Heute Morgen schnell noch Wurstbrote geschmiert, das Liegerad in den Bus gewuchtet (ist das Ding schwer!) und ab nach Osterdorf. Das Abenteuer beginnt. Schreibtisch ade, I´m a lonesome cowboy.
Dann herzlich Begrüßung durch die Mitradler am Start. Mann, sind das viele, und alle high-tech-mäßig ausgerüstet, überall schnappe ich Wortfetzen wie „Paris" oder „Tausender" oder ähnliches auf. Ich dagegen will heute meinen absoluten Rekord von 150 gefahrenen Kilometern einstellen. Nur nicht beeindrucken lassen, und so strample ich mit den Anderen mutig los.
Meine zwei Liegeradkollegen sind nach kurzer Zeit trotz ihrer genialen Hüte am Horizont verschwunden. Sie haben mir auch einige Zentimeter Sitzhöhe, viele fehlende Kilos, und wohl noch mehr Muskelfasern voraus, aber egal: Ich hatte mir sowieso vorgenommen, nirgendwo dranbleiben zu wollen.
Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug, Lob der Aerodynamik! So ein Liegerad ist einfach Klasse. Über uns ziehen die Burgen und Felsen vobei, ich räkele mich gemütlich in meinen Sitz. Ein Schnitt von knapp 29 nach den ersten 100 Kilometern, nicht schlecht. Aus meiner Perspektive kann ich die Muskelspiele der vorausfahrenden kolossalen Radlerwaden gut beobachten: Dass die überhaupt noch an der Kette vorbeikommen!
Einige Kilometer weiter weiß ich auch, wozu sie nötig sind: Berge! Kurze steile, mit und ohne Serpentinen, lange gerade, aber immer nach oben. Mein Auge gewöhnt sich an diese einstellige Zahl auf dem Tacho, drüben geht es dann wieder runter, über 70 Sachen, die Augen tränen, typischer Liegeradrythmus. Dann sind wir endgültig oben.
Also diese Sache mit dem Gegenwind. Vielleicht hätte man ja die Richtung nicht ändern sollen, aber zurück wollen wir ja doch, also den Wind Kilometer für Kilometer „tottreten".
Bergab treten und bergauf treten. Langsam und noch langsamer. Wieder bin ich als „Lieger" eigentlich prinzipiell deutlich im Vorteil, aber „nicht prinzipiell" friert es mich. Noch ein Wurstbrot und weiter. Am letzten Kontrollpunkt weckt ein herrlich heißer Kaffee letzte Kräfte. Das schaffen wir noch!
Kurz vor Osterdorf biegen wir fälschlicherweise (wie noch einige andere) links ab und genießen die herrliche Abfahrt nach Pappenheim (wer ist schon Schumi?), die wir kurz darauf aber büßen müssen: Mit 11% taxiert das Schild die letzte Steigung nach Osterdorf, meine Beine fügen dem aber noch ein paar Prozente dazu.
Absolut hundertprozentig überzeugt bin ich dann von der Gulaschsuppe am Ziel. Ich bin kaputt und glücklich, mein Radlerfreund aus Bayreuth spendiert mir ein hartgekochtes Ei. Harte Schale und weicher Kern, wie „wir" Radler halt sind (Der Erfolg verbindet ungemein).
Als ich dann das Auto holen will, kriege ich draußen vor Zähneklappern kaum den Schlüssel ins Schloss, aber das gibt sich bald.
Tschüß und vielen Dank ihr Weimanns, es hat viel Spaß gemacht! Mehr habe ich mir für dieses Jahr nicht vorgenommen, die Familie möchte wieder was von mir haben. Nächstes Jahr fahre ich vielleicht mal 300 km mit, einige von euch treffe ich bestimmt beim Frankenwald-marathon, bis dahin alles Liebe,

Euer Michael aus Oberfranken