400 Kilometer Brevet von Osterdorf
27.04.2007, 20:00 Uhr - 28.04.2005, 16:30 Uhr


Vorwort

In meinem sechsten Osterdorfer Jahr hatte ich vor zwei Wochen meine persönliche Bestzeit bei einem 300-er Brevet gefahren. Da ich nicht immer am Limit fahren will, ist also für dieses Wochenende eine Genusstour angesagt; insbesondere auch deshalb, da die Wettervorhersage nur das Beste verspricht und ich das 400-er aufgrund meines Wohn- und Geburtsortes als Heimspiel betrachte.
Die Tage vorher waren etwas anstrengend, da ich den Freitagnachmittag arbeitsfrei bekommen wollte. Dies hat Dank langer Vorbereitung geklappt, so dass ich am Freitagnachmittag noch einige Stunden schlafen kann, bevor ich mich mit dem Zug auf die Reise begebe.
Am Treuchtlinger Bahnhof fahren wir bereits als Fünfergruppe nach Osterdorf hoch. Ich genieße die übliche familiäre Atmosphäre und freue mich viele Bekannte und Freunde zu treffen. Nach ein paar Kuchenstücken zum Abendessen treffe ich die letzten Vorbereitungen wie Wasserflaschen füllen, Lichter kontrollieren, Leuchtgurt anlegen, etc. und dann geht es pünktlich an den Start.

Das Baustellen- Brevet

Karl quält, wie in dieser Saison üblich, eine alten Ford Sierra, indem er ihm aufs Dach steigt - im wahrsten Sinn des Wortes! Er hält mit Hilfe eines Megaphons seine obligatorische Ansprache und schickt uns dann auf eine Runde rund um Nürnberg, die er auf dem Weg durch seinen Heimatort noch anführt. Dann geht es einem milden und lauen, fast schon sommerlichen Abend entgegen. Die erste Gruppe mit ca. 15 von 150 Fahrern ist mir wie üblich zu schnell unterwegs, so dass ich im Vorderfeld der „Verfolgergruppe" lande. Es wird zügig, aber nicht hastig gefahren; meine Erwartungen einer gemütlichen Runde werden also bereits am Anfang voll erfüllt. Mit Michael P. und mir sind in dieser Gruppe inzwischen ziemlich ortskundige Fahrer vertreten, so dass es nur nach 30 Kilometern zu einem kleinen Umweg (ca. 1,5 km) kommt, da ich leider auf einen (verkehrten) Zuruf aus dem hinteren Feld gehört habe. Von den Schwierigkeiten bei der zweiten Kontrolle, davon später mehr, sind dies die einzigen Bonusmeilen der gesamten Strecke.
Wider Erwarten macht niemand nach knapp 50 Kilometer in Kinding eine Rast, obwohl die Tankstelle aus dem 200-er Brevet eigentlich bekannt sein sollte. Ich bin nicht unglücklich darüber, da es für mich richtig schön rollt und nun auch die Hochgeschwindigkeitstrecke nach Beilngries ansteht. Auf diesen gut 10 Kilometern wird üblicherweise eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h gefahren; so auch dieses Mal. Da ich von dem Anstieg im unmittelbaren Anschluss nach Kevenhüll weiß, schone ich ein wenig meine Kräfte und rolle der Gruppe hinterher. Doch auch dieser Anstieg bereitet mir, ebenso wie die Anfahrt nach Schwärz keinerlei Probleme.
In Kastl fahren wir an meinem Randonneurshotel meines letzten und bisher einzigem 1.000-er Brevets vorbei und rollen kurze Zeit später zur ersten Kontrolle, einer Autobahnraststätte. Es ist kurz vor ein Uhr, so dass der Bruttoschnitt immer noch über 25 km/h liegt. Die Vorräte werden aufgefüllt, wobei ich mich damit begnüge meine Getränkeflasche aufzufüllen. Zu Essen habe ich noch genug dabei, bzw. Heidis Kuchen gibt auch nach 125 gefahrenen Kilometern immer noch Kraft! Dann wechsele ich noch die Batterien meiner Lampe, da meine „Kontrolleuchte" signalisiert, dass ich sonst demnächst im Dunkeln stehen würde. Diese Kontrolleuchte besteht aus einer Superflux- LED, die ich direkt an den Batterien meiner Cateye- Lampe angeschlossen habe. Eigentlich sollte diese LED amberfarben leuchten, aber wenn die Batterien in Ordnung sind, hat sie doch einen sehr deutlichen rötlichen Ton. Diese LED dient nur dazu, den Tacho und die Karte zu beleuchten und leistet in dieser Nacht hervorragende Dienste. Die nächsten 84 Kilometer zur 86 Kilometer entfernten Zweiten Kontrolle verlaufen relativ unspektakulär. Die erste große Baustelle - einige werden noch kommen - wird schiebend durchquert um das Risiko von Stürzen oder platten Reifen zu verkleinern. Die Navigation im Raum Amberg gestaltet sich als etwas schwierig, da hier zum Teil auf Straßennamen geachtet werden muss. Hier schließt die Gruppe um Stephan und Volker zu uns auf, so dass nun genügend Streckenerfahrung versammelt ist, dass ich mich etwas beim Kartenlesen zurückhalten kann.
Die Gruppe zerfällt aber wieder in drei Teile, zum einen dadurch, dass manche einen kurzen Stop (PiPa) einlegen zum anderen, dass ein Teil der Gruppe eine Richtungsänderung zu bald durchführt und trotz Michaels und meiner Intervention auf diesem Kurs beharrt. Also fahren wir zu viert der Autobahnraststätte entgegen und kommen auch ohne Schwierigkeiten bis auf Sichtweite heran. Dann aber treten Probleme auf. Ob es nun daran lag, dass es bereits kurz vor vier Uhr ist und somit bei allen die Konzentrationsfähigkeiten etwas nachgelassen hat, oder ob wir alle Karls Plan nicht lesen können, ist eigentlich egal. Auch dass ich mir noch zwei Tage vorher auf Google Earth in höchster Auflösung die Zufahrt angeschaut habe hilft mir nicht weiter. Wir fahren in die grob geschätzte Richtung, passieren ein Gewerbegebiet, und sind dann nur noch eine Böschung und zwei Zäune von der Rastanlage entfernt. Die Böschung kommen wir trotz Schuhen mit Klickpedalen problemlos hoch und auch der erste Zaun mit einer Höhe von ca. einem Meter macht keine Schwierigkeiten. Erst der zweite Zaun mit geschätzten 2 Metern Höhe hält uns etwas auf. Aber in Teamarbeit werden die Räder darüber gehoben, die Blicke übernächtigter LKW- Fahrer werden ignoriert und wir kommen mit ca. fünf minütiger Verspätung an der Raststätte an; auch bis hierhin ist der 25-er Schnitt noch erreicht, so dass eine halbstündige Pause gerade recht kommt.
Als wir gegen halbfünf weiterfahren, kann man bereits den kommenden Morgen erahnen; die Vögel zwitschern, es wird wärmer und die Lebensgeister erwachen wieder. Jetzt kommt der meiner Meinung nach schönste Teil der Strecke;
das Trubachtal von Obertrubach über Egloffstein bis nach Pretzfeld. Es ist inzwischen hell geworden und die Gruppe nimmt wieder Tempo auf - meiner Meinung nach zuviel Tempo um die landschaftlichen Reize zu genießen. Ich lasse mich nach hinten herausfallen und sehe noch einige Zeit, wie sich eine funktionierende 12 -er Gruppe in 8 Einzelgruppen zerlegt, die sich auf einer Streckenlänge von ca. einem Kilometer durch das Trubachtal schlängelt.
Ich genieße die folgende Alleinfahrt in vollen Zügen und stoße erst kurz vor Ebermannstadt auf einen Kollegen, den ich die nächsten 15 Kilometer begleite. Dieser Streckenabschnitt ist der einzige des ganzen Brevet auf dem etwas Gegenwind herrscht. Bei dem Anstieg hinter Heiligenstadt werde ich dann von Stephan, Volker und einem weitern Randonneur eingeholt und zu viert machen wir uns auf zur nächsten Kontrolle nach Hirschaid. Dass die Kontrollstelle McD nicht wie angegeben um sieben sondern erst um acht Uhr öffnet ist uns egal, da ich von Stephan zum Frühstücksbuffet von Freunden in Hirschaid mit eingeladen werde. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür! Jeder versorgt sich in einer kleinen Bäckerei mit Brötchen und Gebäck, so dass in der nun folgenden Rast die körpereigenen Nahrungsspeicher bis zum Anschlag gefüllt werden können. Pappsatt und gut erholt fahren wir in flottem Tempo, nur durch einen Zwangsstopp in Heßdorf unterbrochen, die folgenden 60 km bis nach Cadolzburg. Ich treffe mich mit einem dort wohnenden Freund, der die nächsten 5 Kilometer mit mir zusammen fährt und lasse dafür die drei bisherigen Begleiter mit hohem Tempo enteilen. Die nächsten 15 Kilometer bis ins Schwabachtal rolle ich gemütlich mit dem Randonneursurgestein Walter B. um mich dann zu verabschieden. Denn ich habe mich in Rohr mit meinem Sohn verabredet, der mich die letzten 50 Kilometer begleiten wird. Da aber die Strecke ab Heßdorf ungewöhnlich schnell lief, habe ich noch zwanzig Minuten Zeit für eine kleine Pause.
Als wir dann zusammen in Richtung letzte Kontrolle fahren, lassen wir es ganz gemütlich angehen. Ich freue mich, dass er mich begleitet und möchte ihn auf keinen Fall überfordern. Kurz vor Untersteinbach werden wir von einer Gruppe um Karl M. eingeholt und es zeigt sich, dass man - entsprechenden Ehrgeiz vorausgesetzt - auch mit 10 Jahren schon einen 30-er Schnitt fahren kann. Eine lange Pause bei der Familie Loy kommt dann wie gerufen. Wir machen lange Pause und treten erst kurz vor drei Uhr zum letzten Abschnitt an. Kurz nach Georgensgmünd kommt die letzte und unangenehmste Baustelle von ich-weiß-nicht-mehr wie vielen und es ist noch mal Schieben angesagt, da die Reifen im dünnen Sand versinken. Die Streckenfindung macht mir überhaupt keine Schwierigkeiten mehr, und so vergehen die letzten Kilometer wie im Flug. Und auch der letzte Anstieg von der B2 nach Osterdorf hoch ist mit meiner Übersetzung der Marke „3-fach und Pizzablech" kein wirkliches Problem. Mein Sohn tilgt die Schande vom letztjährigen Spaß- Brevet, bei dem er den letzten Anstieg geschoben hat und fährt diesmal tatsächlich den kompletten Berg ohne Pause hoch. Ein Großteil der Randonneure sitzt auf Bierbänken vor der Schule und heißt uns herzlich willkommen. Wir nehmen die Glückwünsche dankend und stolz entgegen und ich gebe als letzte offizielle Handlung meine Stempelkarte ab.

Da unser Zug leider schon in einer knappen Stunde in Treuchtlingen abfährt, kommt der abschließende Gedankenaustausch mit den Kollegen bei Suppe, Kaffee und Kuchen etwas zu kurz.

Schlußbetrachtung
Das dritte Brevet in diesem Jahr ist erfolgreich absolviert. Auch wenn es aus reiner Zeitbetrachtung das langsamste von mir absolvierte 400-er Brevet war, so war es doch einer meiner schönsten. Dazu haben nicht nur die Begleitung durch meinen Sohn und das hervorragende Wetter beigetragen, sondern auch die Tatsache, dass es nicht wie sonst üblich im Dunkeln (zwischen Mitternacht und Morgengrauen) beendet wurde. Die ungewöhnliche Startzeit und die späte erste Kontrolle empfand ich als sehr angenehm und natürlich als gute Vorbereitung für P-B-P.

Nackte Zahlen:
425 km in 20,5 Stunden (brutto) und einer Fahrzeit von 17 Stunden (netto).

Jürgen Fahrt Schwabach