Osterdorf, 8. Mai 2009, 20.00 Uhr
Nach Osterdorf fahren heißt, zum Herz der deutschen Langstreckenszene vorzustoßen. Hier lebt und radelt Karl Weimann ein Urgestein im Kreis der Randonneure, der mit seinen Brevets nun schon seit zehn Jahren das Letzte aus sich und seinen Artgenossen herausholt. Hier lebt und wirbelt auch seine Frau Heidi, die mit vielen Helfern den zahlreichen Startern einen Empfang bereitet, der über alles hinausgeht, was man im Kreis dieser etwas spröden Szene erwarten könnte. Randonneure sind von Haus aus eher lichtscheue Gewächse. Umso ungewöhnlicher ist, als wir drei Freiburger gleich bei unserer Ankunft ins große Kameraauge des bayerischen Staatsfernsehen schauen, das sich vor dem Gemeindehaus aufgebaut hat. Was für ein Bild müssen wir abgeben: drei gestählte Männer mittleren Alters, sehnige Beine, lockerer Tritt, strahlendes Gebiss und Augen, die vor Tatendrang leuchten - Musketiere in Funktionskleidung.

Zunächst einmal gilt es, den Tatendrang angesichts der im Gemeindesaal üppig aufgetragenen Speisen und Getränke zu zügeln. Ich kenne die Tücken meines Magens auf Langstrecken und suche mein Heil im Schwarztee. Inmitten des Trubels arbeiten die Fernsehleute daran, die Szenerie in Bilder zu bannen. Als ich im Zelt vor der Halle meine Startunterlagen hole, setzt heftiger Regen ein und liefert, zusammen mit dem Sturm, der plötzlich über Osterdorf fegt, dramatische Bilder für die Kamera: etliche Männer hängen am Zeltgestänge, damit die ganze Konstruktion nicht davongeblasen wird. Karl Weimann hat den Ruf, dass er seine Brevets am liebsten auf Schlechtwettertage legt - sollte dem so sein, ist seine Rechnung einmal mehr aufgegangen. Regenkluft ist angesagt.

Mit dem Glockenschlag der Kirchturmuhr setzt sich der Tross von weit über hundert Teilnehmern in Bewegung, der Kameramann schwenkt sein Gerät hin und her. Etliche Hügel später macht sein Team uns noch einmal seine Aufwartung, aber ehe die Technik steht, ist unsere Gruppe durch. Die Welt der Bilder endet hier, das richtige Leben beginnt. Und eine lange Nacht.

Wie im richtigen Leben geht es auch auf bayerischen Brevets hart her. Immerhin: der Sturm hat ausgetobt und aus dem Wolkenbruch ist normaler Regenschauer geworden. Irgendwann nehme ich, vorne fahrend, die falsche Abzweigung. Das Feld jagt geradeaus weiter, nun angeführt von Leuten, die sich ziemlich gelangweilt haben müssen. Als ich mit den wenigen Verbliebenen Sekunden später wieder auf dem richtigen Weg bin, sehe ich eine Vielzahl Rücklichter in der Ferne entschwinden. Brandgeruch von Kettenschmiere liegt in der Luft. Die Verbindung zur Spitze ist gekappt.

Wie glücklich müssen sich die Menschen schätzen, wenn sie uns in ihren warmen Autos überholen, während wir im strömenden Regen zur ersten Kontrollstelle eilen! Da wird mir selbst ganz warm ums Herz. Ein Becher heißer Tee in einer Autobahnraststätte im fränkischen Niemansland, wo es um 0.30 Uhr den ersten Stempel ins Brevetkärtchen gibt, steigert das Wärmegefühl ins schier Unerträgliche. Allerdings sehe ich mich genötigt, den Sud mit kaltem Wasser aus der Trinkflasche zu verdünnen - das Kollegium drängt zum Aufbruch. Es liegen noch knapp 300 Kilometer vor uns.

Die
Gebrüder Claß mit ihrem Tridem sind eine Legende, und als sie uns auf dem Rückweg von der zweiten Kontrollstelle, einer Autobahnraststätte bei Pegnitz, gegen vier Uhr morgens begegnen, unterbricht die Faszination ihres Auftritts mein behäbiges Dahindämmern. Im Dreierpack schießen sie durch die Nacht, mit Scheinwerfern, die einem LKW den Weg leuchten würden, einer blauen Lichterkette am Rahmen, und wenn's passt, Musik an Bord für die richtige Schlagzahl.

Wollten die Fernsehleute all die Eindrücke einer solchen Nacht festhalten, bräuchte es Spezialkameras: für die Lässigkeit, mit der der Dreck der Straße an einem hochspritzt, für die Leere im Kopf, für dieses Erstaunen, wenn sich mit einem Mal der Vollmond durch die Wolkenlücken schiebt, für das plötzliche Gewahrwerden des Vogelgezwischers. Es bräuchte eine ganz besondere Kamera, um die Elfen festzuhalten, die im ersten Morgenlicht über die Fluren huschen. Unsereiner sieht sie nur deswegen nicht, weil er das Rad des Vordermanns nicht aus den Augen lassen darf.

Franken ist größer, als man glaubt. Es nimmt keine Ende. Man fährt nach der dritten Kontrolle bei Hirschhaid, als der Tag längst wieder angebrochen ist, 130 Kilometer schnurstracks nach Süden, lässt Forchheim, Erlangen und Fürth links liegen, und denkt, jetzt ist endlich mal genug mit diesem elenden Gegenwind. Man sieht sich bei Weißenburg fast schon am Ziel, und weiß nur noch einen kleinen Hügel vor sich, hoch zur Ludwigshöhe, ehe man seine müden Glieder in Osterdorf in die Sonne legen kann. Am Fuße dieses kleinen Hügels steht ein unbedeutendes Schild: 12%. Es handelt sich hierbei um einen Zahlendreher. Einem Fernsehzuschauer wäre ein solches Japsen und Stöhnen, wie es schon kurz nach dem Schild einsetzt, unerträglich. Wir können also von Glück sagen, dass wir unter uns sind: sieben übernächtigte Kämpfer, die noch ein, zwei lange Kilometer das Letzte geben, ehe nach einer abschließenden Welle Osterdorf wie eine Verheißung in den Blick rückt.

Später, beim Duschen, stelle ich mit einem Blick in den Spiegel fest, dass ich über Nacht wieder um ein Jahr gealtert bin. Und ein letztes Mal bin ich froh, dass das Fernsehteam längst auf anderen Baustellen filmt.