Brevets in Osterdorf

Nun, es war gar kein typisches Osterdorfwetter, am Start zum 400er am 14.05.05, 8:00 - die Sonne lachte vom blauen Himmel, was doch einige Teilnehmer etwas wunderte.
Es waren 64 Randonneure am Start !!

Die Veranstaltungen bei Karl werden immer beliebter - kein Wunder - was Karl und seine Familie bei den Osterdorf-Brevets nun schon seit Jahren auf die Beine stellen ist bewundernswert - die Infrastruktur mit Räumlichkeiten ist fast schon „luxuriös" zu nennen.
Sicher, der normalsterbliche Hotelurlauber würde sie wohl irgendwo zwischen spartanisch und unzumutbar einordnen und den Veranstalter vor Gericht verklagen und wohl auch recht bekommen - aber was ein echter Randonneur ist, für den ist nach oder vor 200, 400, 600 oder 1000 Kilometern Non-Stop-Radfahren eine warme Dusche, eine heiße Suppe, ein Teller Spaghetti und ein Feldbett im Massenlager der wahre und einzige Himmel auf Erden ...
(Dies ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit bei Brevets ...)

Und so ist es kein Wunder, dass sich die paarhundert-Seelen-Gemeinde Osterdorf auf den 6. Platz aller Austragungsorte der Organisation „Randonneur Mondieux" gemausert hat - und das weltweit !!

Nicht nur die Familie von Karl zieht da mit - irgendwie scheint der ganze Ort dahinterzustehen - so hält die Wirtin vom „Alten Wirt" ihren Gasthof an Brevet-Terminen für Karl und seine Radler frei !!
Ich habe auf irgendwelchen Radltouren schon an vielen Orten der Welt genächtigt und auch schon mal nächtigen müssen, aber noch nie bin ich irgendwo gefragt worden, ob ich mein Rad mit auf´s Zimmer nehmen möchte...
Die Gastfreundschaft und Offenheit der Menschen mag mit dem Phänomen „kleines Dorf auf dem Land, wo die Welt noch in Ordnung ist" zusammenhängen - aber egal, woher die Herzlichkeit kommt, sie wird auf jeden Fall von den Meisten gerne angenommen.

Was die Infrastruktur vielleicht nicht hergeben mag wird durch das Engagement und Idealismus der gesamten Weimann-Family mehr als wett gemacht - das reicht von nächtelangen Bereitschaftsdiensten mehrmals im Jahr bis zu von Heidi eingepackten Nudeln für den Heimweg, für die man erst mal seine Ortlieb-Packtaschen umräumen muss ...
Und so finden diese Brevets in lockerer, herzlicher Atmosphäre statt, da ist viel Kommunikation und Freundschaft im Spiel - dies ist vielleicht das Salz in der Suppe des Randonneurs: Mit Gleichgesinnten und Freunden sein Hobby und Leidenschaft auszuüben - sonst bräuchte man keine Brevets - jeder könnte sich ja alleine „schinden", was die Meisten übrigens wohl auch das ganze Jahr über immer wieder tun...
Zu den Strecken bei all den „Karl-Brevets":
Wenn nur irgend möglich führen sie über kleine und kleinste verkehrsarme Landstrassen verschlungen durch die Lande und wenn nur irgend möglich werden alle Buckel, Wellen, Hügel und Steigungen eingebaut und mitgenommen, die nur irgend möglich erreichbar sind - und bei tausend Kilometern kommen da dann so an die unglaublichen 10.000 Höhenmeter zusammen ...

Menschen, die um vier Uhr nachts bei strömenden Regen, nach Stunden und Stunden klatschnass immer noch wie festgewachsen auf den Rädern sitzen, nachdem sie schon sieben oder achthundert Kilometern und auch schon einige tausend Höhenmeter in den Beinen haben und mit brennenden Beinen keuchend und fluchend eine weitere 14% Steigung hochstampfen, für die sie 15 Kilometer Umweg gefahren sind, nur um 5 km oder so wieder vom Ausgangspunkt entfernt wieder auf dieselbe Hauptstrasse zu kommen, von der sie auf diese verdammte, aber landschaftlich reizvolle Schleife gestartet sind, nur weil jemand wie Karl dies in unendlicher Weisheit so auf einen Zettel, der sich „Streckenplan" nennt, geschrieben hat, die dann ohne zu Zögern die nächste Steigung in Angriff nehmen und das wieder und immer wieder tun bis nach weiteren langen Stunden die tausend Kilometer endlich voll sind, und danach auch noch süchtig werden - solche Menschen nennen sich Randonneure.

Wo ich herkomme, da wo der Schwarzwald am tiefsten ist, da ist ein Berg ein Berg und die Berge haben Namen und Gesichter. Und wenn man von einer Radtour heimkommt, dann nennt man den Berg beim Namen, erinnert sich an den Berg und ist zufrieden mit dem Berg und sich und ist dann auch belohnt worden durch lange, rauschende Abfahrten.
Bei Karl ist es anders.
Bei Karl gibt es keine Berge sondern Wellen und Hügel. Eine Abfahrt ist keine Abfahrt sondern nur die Anfahrt zur nächsten Rauffahrt.
Wer hat je von einer 21% Steigung gehört, die bei Teuchatz endet ?

Wer ist je von hinten rauf nach Duftbräu und dann hinten runtergefallen oder die Strecke gar umgekehrt gefahren ?

Nun, Randonneure brauchen das fürs Glück ?!
Jahr für Jahr quälen sich noch ein paar Menschen mehr von einem Schweinebuckel zum Nächsten - und das in dem typischen Osterdorfwetter, das im frühen Frühjahr, wenn die ersten Brevets stattfinden, meist von Niederschlägen gekennzeichnet ist. Das einzig Spannende ist nur, in welcher Form sie fallen.
Von Graupel, Schnee und Hagel bis zu Regen in jedweder Variation und Spielart, in denen er vom Himmel fallen kann: Geklatscht, getropft, genieselt, gesprüht, gegossen, ins Gesicht gepeitscht, vom Hinterrad des Vordermanns ins Nasenloch gespritzt, durch Nebel genäßt oder auch mal als herkömmlicher Eisregen serviert. Dies einzeln oder in Kombination gereicht wäre an sich auch ohne Wind und Kälte schon ein reichhaltiges, für manchen Geschmack zu üppiges Menü.
Gewittergüsse, dauerhafter Landregen, sich abwechselnde Schauer, Islandtiefs, Föhnregen - was hab ich noch vergessen ? - alles gibt´s zuweilen in Osterdorf.
Nur von Hitze habe ich noch nie reden hören ...

Sicher, Karl kann nichts für das Wetter. Oder wer möchte ihm wohl die Schuld geben, das es z.B. am Chiemsee (wie langjährige Teilnehmer glaubhaft schwören) immer regnet ?
Karl kann nichts für das Wetter - aber wer einmal sein verschmitztes Lächeln und den Glanz in seinen Augen gesehen hat, wenn er vom „typischen Osterdorfwetter" spricht, dann sieht man nur Stolz und Freude darüber, dass seine Brevets am richtigen Ort stattfinden.

Brevet heisst schliesslich Prüfung.

Und wer einmal erlebt hat, mit welcher Herzlichkeit und Liebe Karls Frau Heidi einen ca. 55-jährigen (oder ist er erst 45 und vom Brevet gezeichnet ?), schon leicht angegrauten Radler, der vor Müdigkeit beim Frühstück gerade noch seine Kaffeetasse halten kann, der gerade zum ersten Mal 400 Kilometer mit dem Rad bewältigt hat, mit welcher Überzeugungskraft und Hingabe dieser Mann überredet wird, in 14 Tagen schon den 600er anzugehen, der erlebt hautnah, wie Frauen es schon seit Jahrtausenden immer wieder geschafft haben, Männer um den Finger zu wickeln ...

Und wenn Heidi mal mitkriegt, dass sich einer über die Strecke oder das Wetter beschwert, dann bekommt er tüchtig den Kopf gewaschen:
„Jo mei, mei Karl socht immer, i bi jetzt fünfäfuchzig und i fahr des a und wenn I des fahrä ka, da ka des wohl a jedr andre a !!"

Recht hat sie, oder ?

Schade, übrigens, dass bisher noch recht wenig Frauen den Weg zu den Randonneuren gefunden haben - es ist scheinbar noch eine der letzten Männerdomänen - aber auch hier scheint der Anteil der Frauen langsam aber stetig zu wachsen. Hoffentlich werden es bald mehr - wie schon erwähnt, ist das Salz in der Suppe die Begegnung von Menschen in all ihrer Individualität und Verschiedenheit, aus jeder Gesellschaftsschicht, die Eines verbindet:
Die für Außenstehende schwer nachvollziehbare Liebe zum Radfahren.

Ich hatte gestern eine ganz typische Begegnung vor der Kontrollstelle beim MC Donalds in Hirschheid. Ich krustelte gerade an meiner Lenkertasche herum, während sich meine Kollegen drinnen überlegten, ob sie sich nach dem Super-Spar-Menü mit Extra Cola und Kaffee und Dessert noch einen Big Mäc reinpfeifen sollten, als mich ein leicht untersetzter Mittvierziger mit weit geöffnetem Hemdkragen und wild wucherndem Brusthaar, auf dem eine Goldkette üppig prangte, ansprach:
Wo wir herkämen, hinwollten, u.s.w.
Da ich bei ihm echtes Interesse heraushörte, erklärte ich ihm geduldig was ein Randonneur ist (siehe oben).
Dass wir gerade von Osterdorf kämen und dahin zurück wollen. Nachdem ich ihm dann auch noch erklärt hatte, wo das liegt und wie weit, traf ich auf das typische ungläubige Erstaunen, das wir alle so gut kennen - aber ein Blick auf unsere Ausrüstung, die nassen und verdreckten Räder und mein Gesicht zeigte ihm wohl, dass ich ihn nicht verkohlen wollte...

Wir hatten eine wirklich nette, erfrischende Begegnung, er meinte unter anderem dann, ja, ein Freund von ihm wäre der Wahnsinnssportler und Triathlet und wenn er richtig hart trainiert, dann fährt er 160 Kilometer und übernachtet dann im Hotel und fährt am nächsten Tag zurück - aber das hier ...
Als seine weibliche Begleitung mit beiden Händen Big-Mäc beladen hochhackig aus dem Hamburger-Schuppen stelzte und sich in seine Potenzkarosse quetschte rief er ihr zu:
„Du, ich muss Dir was erzählen, diese Typen sind so was von abgefahren, das ist so unglaublich !!"
Und so hat auch diese Blondine zum ersten Mal was von Osterdorf und Randonneuren gehört ...

Nein, Aussenstehende können wohl kaum nachvollziehen, was wir da und warum wir das tun. Aber wer gerne radfährt und gerne lange und noch länger radfährt, dem kann ich nur empfehlen, als Einstiegsdroge mal einen 200er bei Karl mitzufahren.

Aber Vorsicht: Osterdorf macht süchtig !!

(Ich sitze übrigens gerade im Zug auf der Heimfahrt vom 400er und überlege krampfhaft, welche Termine ich verschieben kann, um in vierzehn Tagen den 600er mitfahren zu können)

Und noch mal: Vielen Dank an Karl und seine Familie !!
War wieder mal schön !!

Bis zum nächsten Mal !!

Urban