Osterdorf, 21. Mai 2009, 8.00 Uhr
Vierhundert Kilometer sind noch eine handliche Portion für Radsportler: zweimal zweihundert. Mit den Jahren kennt man seinen Körper und weiß: das ist zu schaffen. Bei sechshundert Kilometern endet die Zuversicht. Es schadet nicht, sich am Vorabend Mut anzutrinken im Kreise dieser liebenswürdigen Menschen, die man für ganz normal halten könnte, würden sie nicht diese merkwürdige Leidenschaft des Langstreckenfahrens mit einem teilen. Allerdings sollte man, bevor der Übermut einsetzt, sein Weizenglas still in die Abspüle stellen und noch sicheren Schritts sein Zelt oder eines der Feldbetten aufsuchen, die in Osterdorf für die auswärtigen Teilnehmer bereitstehen. Und im Idealfall von etwas Schönem träumen - in der darauffolgenden Nacht wird's keine Gelegenheit mehr dazu geben.

Je näher dann morgens der Start rückt, um so dichter werden die Wolken über Osterdorf, schütten kräftig Regen auf die Dorfstraße und weit darüber hinaus. Am Start treffe ich auf bekannte Gesichter aus den vorhergegangenen Brevets, darunter Gerd Stettin,
Emily O'Brian <http://sheldonbrown.com/pbp-emily-obrien.html>, Thomas Grau, Gerd Knauber und Eckhard Mauermann. Zusammen mit den beiden Freiburgern Urban Hilpert und Markus Decker werden die ersten Kehren genommen, die ersten Hügel erstürmt. Im Nu stehen zehn Kilometer auf dem Tacho, dann zwanzig, dreißig, vierzig. Die erste Kontrolle - noch keine zehn Prozent der Strecke. Futter staut sich reichlich im Lenkerbeutel. Also holt man sich in der Tankstelle einen schnellen Stempel in die Brevetkarte, legt einen kurzen Halt am nächsten Gebüsch ein und weiter geht's. Der Himmel schaut freundlich drein und das Kurbeln in Richtung Regensburg macht Spaß. Mannsbilder mit Bierfässern auf Bollerwagen schmücken die Kulisse - heute ist Vatertag und das Bier fließt in Strömen. Der eine Hügel folgt dem nächsten, kleine Straßen schlängeln sich durch Flusstäler; der Wind ist unser Freund und im guten Dutzend jagen wir gen Osten. Die Kilometer können sich so leicht anfühlen. Hemau, nächster Stopp - noch über fünfhundert Kilometer liegen vor uns. Langsam bildet sich eine stabile Gruppe: knapp zehn Leute, die zu treten verstehen. Landschaften fliegen vorbei und ich merke gar nicht, wie der Morgen sich langsam zum Nachmittag wandelt, erst in Wörth an der Isar, nach fast zweihundert Kilometern, merke ich, dass es die Nachmittagshitze ist, die mir den Schweiß aus den Poren treibt.

Wir halten auf Vilsbiburg zu. Ganz in der Nähe wohnt mein alter Freund
Stefan Ammansberger <, gern hätte ich ihm vom Rad aus ein herzliches "Grüß Gott" zugeschmettert, aber unser Weg führt nicht durch sein kleines Dorf. Es geht stramm nach Süden, ins Chiemgau. Ich fühle mich im Saft und in diesen Phasen entgeht einem schnell, wenn einem anderen das Kurbeln zur Qual gerät. Als Markus zusammen mit Urban zurückbleibt und uns Urban später mitteilt, dass Markus wegen Knieschmerzen aufgeben muss, bin ich sprachlos. Nach 283 Kilometern hat sein Körper die Hauptfunktion eingestellt: treten.

Nicht umsonst hat der Mensch die Maschine erfunden, die ihm all diese Tortur erspart. Und doch ist es nicht dasselbe, ob man sich den Weg zum Chiemsee mit Motorgewalt oder Muskelkraft erobert; wenn direkt am See der Blick auf die majestätischen Berge im Abendlicht für die Anstrengungen entschädigt und sich für eine kurze Zeit im unsteten Geist Ruhe breitmacht.

Wir haben Bernau am Chiemsee erreicht, Kilometer 310, Zeit für eine längere Pause und etwas Warmes zum Essen. Dicke Gewitterwolken stauen sich vor uns auf und entladen sich ungeniert, während wir nach einer Pizzeria Ausschau halten. Minuten später beschließen fünf regendurchnässte Gestalten, statt in einer Pizzeria beim erstbesten McDonalds am Weg zu essen. Ich habe selten noch schlechter gegessen und ziehe einmal mehr den Hut vor der PR-Abteilung der Fastfood-Kette.

Was danach folgt, war lange angekündigt: die Berge des Voralpenlandes. Knackige Steigungen, die in die Nacht hineinführen. Mitten im Hundhamer Berg - Nomen est Omen - reißt Eckhard die Kette. Das ist nicht schön, aber mit geschickten Fingern auch in der Dunkelheit schnell behoben; zwei Glieder bleiben auf der Strecke und weiter geht's. Bad Tölz hat nachts um halb eins dem Randonneur vor allem eines zu bieten: eine kleine Tankstelle und dahinter ein extra für ihn erstelltes Zelt mit fünf Feldbetten und ein paar Bänken. Als dann die Chefin noch ein paar Wolldecken anschleppt, fühle ich mich im siebten Himmel. Urban grummelt zwar, aber auch er denkt nicht mehr ans Weiterfahren, als im selben Moment ein fürchterlicher Wolkenbruch einsetzt und der Wind den Regen durch die Zeltwand hindurch bläst, so dass er sich wie Sprühnebel auf mich legt. Zwei Stunden verharren wir im Schutz des Zeltes; ich denke an die vielen anderen, die jetzt irgendwo im Freien stecken und den Wetterkapriolen schutzlos ausgesetzt sind, während ich mich schlaflos von der einen Seite zu anderen drehe.

Zu viert ziehen wir gegen drei Uhr weiter, genaugenommen zu fünft, aber der fünfte ist eher Beiwerk, da er seit vierhundert Kilometern nur auf Nachfrage redet und unbeirrt im Windschatten verharrt. In der Morgendämmerung liegen meine Nerven dann doch soweit blank, dass ich ihn ermuntere, sich eine andere Gruppe zu suchen. Die Tour führt uns im großen Bogen westlich um München herum, rund um Starnberger und Ammersee. Graues Tageslicht begleitet uns auf dem Zickzack der Straßen. Gibt es überhaupt ein Leben abseits des Asphalts? Mit jedem Tritt verengt die Gedankenwelt mehr auf die magische Zahl sechshundert, obwohl klar ist, dass wir mit den geplanten Kilometern nicht hinkommen - zu viele falsche Wege haben wir eingeschlagen. Meine Müdigkeit hält sich in Grenzen, nur die Beine, sie sind erschöpft.

Lenker, Sattel, Pedale - das ist seit weit über vierundzwanzig Stunden unsere Verbindung zur Welt. In einer achtzehn-Prozent-Steigung wird sie für Eckhard erneut gekappt: die Kette reißt nochmals, die Beine treten ins Leere, zwei weitere Kettenglieder werden eliminiert; das große Kettenblatt ist tabu. Viel darf nicht mehr passieren. Es passiert aber. Noch einer von diesen gefürchteten Hügeln und bedingt durch die Kettenspannung reißt ihm das Schaltwerk ab. Rien ne va plus. Die Kette, ein drittes Mal geflickt, dreht durch, springt von Ritzel zu Ritzel. Keine zwanzig Kilometer vor dem Ziel! Es gibt für alles eine Lösung: in unserem Fall sieht sie so aus, dass Eckhard die verbleibenden Steigungen hochrennt, auf anderem Terrain behelfen wir uns mit Schieben und Ziehen: drei Mann zerren den Armen Richtung Osterdorf. Kurz vor Ende zeigt sich zudem, dass mein Reifen dank Fabrikationsfehler eine Blase wirft und ich bereits auf dem Gewebe daherfahre. Die letzten Minuten... noch ein falscher Abzweig, zwei, drei Kilometer Umweg. Wir reißen Eckhard mit ins Ziel, mein Reifen hoppelt freudig bei jeder Umdrehung. Es ist vierzehn Uhr. Wir haben's hinter uns gebracht.

Markus ist gestern spätabends mittels Zug und Taxi noch in Osterdorf eingetroffen. Auf dem Rad ging kein Meter mehr. Gerd [Stettin] hatte sein 'schlimmstes je gefahrenes Brevet' - incl. Unfall - und weiß jetzt, dass er vierhundert Kilometer Radfahren kann, ohne einen Bissen zu essen. Emily hingegen hatte Mühe, im Ziel ihr Essen zu behalten. It's not a big deal. Randonneure sind ganz normale Menschen, sie haben nur eine etwas merkwürdige Leidenschaft.