Perth - Albany - Perth 2006

1200km - der Klassiker in Australien

Am 07.10.2006, pünktlich um 05:30 zerreißt das schrille Starthorn von Mary die frühmorgendliche Ruhe von South Perth.. 18 Randonneure aus 3 Kontinenten stellen sich einmal mehr der Herausforderung von 1200-Nonstop-km auf dem Fahrrad, dieses Mal in Down Under.
Neben Paul aus Kalifornien, USA, meinen auch Andy, Thomas und Stefan ‚from Good Old Germany', sich dies antun zu müssen.
Schon die Tage bis zum Start beeindrucken durch die außergewöhnliche Gastfreundschaft von Mary und Bjorn aus Perth. Wir werden allesamt an unterschiedlichen Tagen vom Airport abgeholt und in ihrem riesigen Haus vorzüglich bewirtet. So macht jet lag - Bewältigung richtig Spaß.
Einzig die Nachricht vom Veranstalter, dass drei, je 4 Stunden lange Zwangspausen in Herbergen nachts einzuhalten seien, trübt leicht die Stimmung. Unsere Vorstellung, dass wir dann halt zu einer 3mal 400km langen Kaffee-Fahrt aufbrechen werden, sollte sich als gehörig falsch erweisen!
Ein sehr penibler Technik - Check am Vortag des Rennes durch den Veranstalter erfordert noch einige Einkäufe aus den sehr gut ausgestatteten Radläden in der beschaulichen Millionenstadt Perth. Sicherheit und perfekte Ausstattung sind hier oberstes Gebot. Wie alles bisher Wahrgenommene sehr geordnet erscheint.
Zuerst sind 40 Flachkilometer zum Einrollen auf perfekten Fahrradwegen entlang dem Freeway nach Süden angesagt. Linkerhand zaubert der wolkenlose Morgenhimmel ein phantastisches Farbenspiel.

Durch endlos weites Farmland kämpft sich die noch recht kompakte Gruppe weiter durch den mittlerweile auflebenden Südostwind nach Pinjarra, der ersten Kontrollstelle. An jeder Kontrollstelle warten Rennkommissare des Veranstalters für die Zeitnahme, stempeln unsere Brevet-Cards und wünschen alles Gute für die Weiterfahrt. Dies erzeugt eine sehr betreute, familiäre Atmosphäre.
Die Route führt uns nun wieder weiter nach Westen vom Farmland zur Küste des Indischen Ozeans. Es wird spürbar kühler durch die noch kalten Wassermassen des Ozeans. Allerdings produziert unser Körper durch den 30er Gegenwind genügend Eigenwärme.
Der Ort Busselton wird erreicht, das erste Viertel der Strecke ist geschafft und nach einem ausgiebigen Mahl mit Chicken & Chips (und einem Bier vom speziellen Bottle-Shop) verlassen wir das Flachland und erreichen die sehr hügeligen Nationalparks (Valleys of the Giants) mit den äußerst beeindruckenden Eukalyptusbäumen. Bis zu dreißig Meter hoch stehen dort die schnellwachsenden Riesen. Gott sei Dank stört in den Wäldern der permanente Gegenwind nicht mehr, doch die Selbstgespräche ,Was ist schlimmer? Der Gegenwind oder das fortlaufende, über 120km andauernde, Auf-und-Ab mit teils heftigen Rampen?' führen zu keinem eindeutigen Ergebnis.
In jedem Fall sind viele froh in der ersten Nachthälfte die Jungendherberge von Manjimup mit der ersten 4-stündigen Zwangspause zu erreichen. Eine heiße Dusche, frische Kleider vom Versorgungswagen, gutes Essen und Trinken - danach sieht die restliche Nacht wieder rosiger aus.
Fast an der Südküste Australiens angekommen, wechselt die Fahrtrichtung von Süd nach Ost bis zum Umkehrpunkt in Albany. Nun schlägt der extrem böige Südost-Wind mit aller Härte zu. Die verbleibenden 70 km nach Albany entwickeln sich zu einer reinen Mentalprüfung, bei Tachogeschwindigkeiten von 10-18kmh.

olche Konzentration auf sich selber führt leicht zu Navigationsproblemen, was dann in 26 Extrakilometer gegen den Wind endet. Immer die Erlösung vor Augen, ab Albany Rückenwind zu haben, werden die letzten Kräfte mobilisiert.
Am Wendepunkt in einer Town Hall in Albany empfangen uns zwei äußerst mitfühlende Damen mit heißem Tee, Kaffee, Säften und delikatem Kuchen. Noch schicken sie uns auf eine kleine 9km lange Stadtrundfahrt mit Geheimkontrolle irgendwo, bevor wir die ersehnten Stempel erhalten. Nun fliegen wir die 70km zurück mit 30kmh und mehr zur zweiten Nachtruhe in Denmark.
Plötzlich taucht eine gewaltige innere Unruhe auf. Irgend etwas stimmt nicht. Hat das Auge etwas bemerkt, was das Bewusstsein noch nicht begriffen hat? Ja, es sind die Zeitfenster für die Kontrollen. Reicht die Zeit noch zum nächsten Kontrollschluss? Warum muss der Veranstalter auch diese Zwangspausen einbauen? Die Nervosität lässt einen erschauern! War alles umsonst? Zuviel Zeit mit dem Gegenwind, den Extrakilometern verloren? Sind die restlichen Kontrollen nach ACP-Regeln noch zu erfüllen?
Ein sofortiger Stop und Blick in die Brevet-Card bringt es zu Tage - die nächste Kontrolle ist in schedule zu erreichen. Aber da folgt die nächste 4 Std.- Pause! Rein rechnerisch ist der früheste Start dann mit einer Stunde Verspätung möglich. Das müsste bis zur folgenden Stempelstelle zu machen sein. Mit grimmiger Wut und gleichzeitig neuer Motivation wird die Pace erhöht!
Doch in Denmark legt sich schnell die Aufregung, ein Schreibfehler auf der Brevet-Card - es sind immer noch 4,5 Std bis Krontrollschluss - puuh, was für eine Erleichterung!
Nach 2 Stunden Schlaf, pünktlich um 3 Uhr morgens, Windjacke, Handschuhe, Gamaschen angezogen und mit dem Koffein von 2 Tassen starken Kaffee im Blut, frisch und fröhlich mit Rückenwind in die kalte Nacht hinaus, zurück nach Walpole, der nächsten Kontrolle. Der Zeitschreck von vorhin steckt noch in den Gliedern.
Ein herrlich wärmender Sonnenaufgang in Walpole, mit backfrischen Brötchen und Sandwichs, uns zu Liebe direkt aus der Backstube vor Öffnungsbeginn. Eine starke Euphorie erfüllt den geschundenen Körper und Geist und lässt auch das nun wieder nahende Hügelland harmlos erscheinen.
Es ist Montag Vormittag, 860 km sind geschafft! Das Wellblechland liegen hinter uns. Der permanente Hunger macht sich nun breit. Die Speicher sind leer - die schnelle Kalorie muss her! Zwei herrlich fette Ham-and-Eggs-Törtchen, zwei übersüße Blätterteigtaschen mit Marzipan- und Apfelfüllung - welch ein grandioser Genuss. Schnell noch Cola in die Trinkflaschen und beschwingt weiter dem Ziel entgegen. Noch 130km zur nächsten Schlafpause in Donnybrook.
Aber Achtung! Vorher hat sich der Veranstalter noch einen kleinen 150km Schlenker ins Hinterland einfallen lassen. Die Route führt durch völlig menschenleere, duftende Wälder. Auch wird gemunkelt, irgendwo soll's eine weitere Geheimkontrolle geben. Also schön wach bleiben und keine Navigationsfehler mehr.
Die Nebenstrecke hier hat überhaupt keine Markierungen, keine Seitenpfosten oder Striche auf der Straße. Auch der sonst alles erhellende Vollmond will heute Nacht noch nicht aus dem Horizont auftauchen - du siehst nur das, durch dein fahles Licht ausgeleuchtete, kontrastlose Stück Teer vor dir. Wie trunken pendelst du durch schwache Nebelschwaden mal an den linken, mal an den rechten Straßenrand. Und immer wieder wird die gespenstische Stille von Knacken und Krachen aus dem seitlichen Unterholz zerrissen. Hoffentlich springt kein Kangaroo ins Rad!
Da! In der Ferne Lichter! Jemand winkt mit seiner Taschenlampe - ganz deutlich! Oder doch nicht? Setzen jetzt die Trugbilder ein? Macht sich jetzt wieder der Schlafentzug bemerkbar? Es ist nicht mehr weit, bald muss der Highway kommen, dann nochmals rechts abbiegen und wie man erzählt, die restlichen 16km leicht bergab bis Donnybrook.
Und richtig, an der Abbiegung steht ein hell beleuchtetes Wohnmobil, das nette Ehepaar - erfahrene, junggebliebene Randonneure, winken zur Geheimkontrolle. Stunden harren sie in der Dunkelheit aus, um uns aufopfernd mit Tee und Gebäck zwischendurch zu versorgen.
Welch ein Genuss in Donnybrook - der riesige Berg Nudeln, das süße Stückchen danach - dazu 3 köstliche Dosen mitgebrachtes Bier, sorgfältig verpackt und heimlich getrunken - in Ermangelung einer Ausschanklizenz der Herberge.

Die Windprognosen für morgen tagsüber verheißen nichts Gutes, Nordwestwind mit 2-3 Beaufort. Deshalb nur ein kurzes Nickerchen und pünktlich nach Ablauf der 4-stündigen Zwangspause wieder aufs Rad. Möglichst viele Kilometer noch in der windstillen Nacht hinter sich bringen. Die Nudeln wirken und fliegend geht es dahin durch eine sanfte, friedliche Dunkelheit.
Im Morgengrauen ist das nette, noch schlafende Städtchen Australind am Indischen Ozean erreicht. Schnell einen Stempel von den verdutzten Damen in der BP-Tankstelle geholt. Kam hier noch kein Radler durch? Doch, einer! Mit einem good luck der Ladies weiter nach Norden am Ozean entlang auf nun, von der Hinfahrt, bekannten Straßen.
Trotz der Gewissheit die restlichen 200km gut zu überstehen, signalisiert der Körper ‚Ich mag nicht mehr!' Das unrhythmische Pedalieren, die vielen Tretpausen, die übermüdeten Augen zwingen doch nochmals zu einer einstündigen Rast mit 30 Minuten Schlaf in der stechenden Vormittagssonne.
Nach der immer wieder faszinierenden Wirkung eines Kurzschlafs ist hurtig bei moderatem Seitenwind das Farmland durchquert und mit der Wirkung der zwei letzten Müsliriegel taucht alsbald die Silhouette von Perth am Horizont auf!
Eine herzliche Begrüßung am frühen Nachmittag in South Perth am Startpunkt durch Collin, einem Rennkommissar und den drei bereits eingetroffenen Finishern Duncan, Peter und Bob beendet die eindrucksvolle, erlebnisreiche 81stündige Solofahrt über 1246km und 9960 gemessenen Höhenmeter.
Kurz darauffolgend erreichen euphorisch Thomas, Andy und Bjorn, sowie in den nächsten Stunden alle weiteren, erfolgreichen 9 Finisher das Ziel.
An Nick Dale, dem neuen Organisator mit seinem Team und den vielen Helfern ein herzliches Dankeschön für dieses außergewöhnliche Erlebnis!

See you again in 2010

Stefan