BOSTON - MONTREAL - BOSTON 2006

Mittwoch, 16. August

Am Vorabend des „Premier American 1200 k Randonnée" findet traditionell im Holiday Inn Hotel in Newton, einem Vorort von Boston, die Fahrrad-Kontrolle statt, verbunden mit einem gemeinsamen Abendessen der Teilnehmer und der Organisatoren.
Ich komme mit Emily und Jake ins Gespräch, beide starten wie ich zu ihrem ersten 1200er - mit dem kleinen Unterschied, dass sie „fixed gear" fahren, also mit einer starren Bahn-Nabe und einer nicht änderbaren Übersetzung von 42-16. Bei uns nahezu unbekannt, ist „fixed gear riding" in den USA große Mode und inzwischen auch bei den Randonneuren verbreitet. Um für die vor uns liegenden 750 Meilen und mehr als 30.000 Fuß (10.000 m) Höhenunterschied genügend Zeitreserve zu haben, starten die beiden am nächsten Morgen schon mit der Vier-Uhr-Gruppe, wie übrigens die meisten der etwa 180 Fahrer. Ich habe mich für die Sechs-Uhr-Gruppe mit nur etwa 25 Teilnehmern entschieden, um wenigstens einigermaßen ausgeschlafen auf die Reise zu gehen

Donnerstag

Wir starten in einen wolkenlosen, herrlichen Sommermorgen. Fast flach führt unsere Strecke durch die westlichen Vororte Bostons, vorbei an weiß gestrichenen, aus Holz gebauten Villen und Farmhäusern und durch Parklandschaft mit großen alten Laubbäumen. Das Tempo ist flott und an den ersten etwas längeren Steigungen im westlichen Teil Massachusetts` reißt die Gruppe auseinander. Im Gegensatz zu den prächtigen neuenglischen
Anwesen rechts und links ist der Straßenbelag schon seit einigen Meilen nicht mehr luxuriös, sondern voller Löcher und gefährlicher Längsrisse, denen wir immer wieder ausweichen müssen. Nach 75 Meilen (120 km) und kurz vor halb elf ist die erste Kontrollstelle erreicht, eine idyllische rotgestrichene Holzscheune, die mich an frühere Ferien in Schweden erinnert

Wir sind schon seit einigen Stunden zu dritt unterwegs und nutzen die Verpflegung, um uns bekannt zu machen: Anne Crossland aus Aspen, Colorado und Stig Lundgard aus Dänemark sind meine Begleiter.
Wir überqueren die Südwestecke des Bundesstaats New Hampshire, fliegen in einer rasanten Abfahrt über die mächtige Stahlbrücke, die den Connecticut River überspannt und sind schon im Staat Vermont, den wir in seiner ganzen Ausdehnung von Süd nach Nord - und wieder von Nord nach Süd - durchfahren werden. Rechtzeitig zur Mittagspause erreichen wir die Kontrolle in Brattleboro, wo es ein köstliches asiatisches Reisgericht zum Lunch gibt, dazu eisgekühlte Cola.

Vermont, „The Green Mountain State" macht seinem Motto schon bald Ehre, die Strecke wird anspruchsvoll. Durch endlose Laubwälder geht es, eine Weile am Fluß entlang und dann zum x-ten Mal über einen Bergkamm ins nächste Tal. Die Landschaft ist wild und einsam, immer wieder radeln wir an herrlichen Seen vorbei, ohne jede Spur einer Besiedlung. Kleinere schattige Straßen wechseln mit breiten Highways ab, die voll in der Nachmittagssonne liegen und einige der gemeineren Anstiege bieten, wie „Mount Terrible", einen schier endlos erscheinenden Zieher kurz vor der dritten Kontrolle in Ludlow. Die wenigen Auto- und LKW-Fahrer sind freundlich und halten beim Überholen großen Abstand.
Wir drei lösen uns regelmäßig ab und bei Einbruch der Dunkelheit nähern wir uns der Schlüsselstelle unserer Tour nach 220 Meilen: „Middlebury Gap", ein Paß, der den waldigen Hauptkamm der Green Mountains von Ost nach West überquert. Dort erwartet uns eine längere Passage mit 12% Steigung. Nachdem mich die Anstiege in der Hitze des Nachmittags ordentlich Kraft gekostet hatten, fühle ich mich jetzt in der Nachtkühle wieder richtig gut und meine Gedanken sind bei Emily und Jake, die wir vor ein paar Stunden überholt hatten. Räder tauschen möchte ich mit Ihnen hier jedenfalls lieber nicht…
Oben angekommen sind wir dankbar für das späte Abendessen, das es am Ende der Abfahrt in der Kontrollstelle von Middlebury geben wird und mit neu gewonnener Gelassenheit sehen wir dem längsten Teilstück entgegen: 90 fast flache Meilen über die letzten Ausläufer der Green Mountains und über die Inseln des Lake Champlain zur letzten Kontrolle vor dem
Wendepunkt in Kanada. Tatsächlich erweist sich das, was uns in der Nacht erwartet, weder als leicht noch als flach.
Die erste Hälfte bis zum Beginn des riesigen, vom Hudson River gespeisten Sees ist gespickt mit lästigen kleinen, steilen Hügeln. Die folgende spektakuläre, 40 Meilen lange Seepassage mit mehrfachem Wechsel von Inseln und Brücken piesackt uns am frühen Morgen mit Seiten- und Gegenwind. Dazu kommt die zunehmende Müdigkeit. Wir sind jedenfalls froh, als wir gegen halb fünf in Rouses Point, gelegen im nördlichsten Zipfel des Staats New York eintrudeln und uns eine leckere Lasagne in der Mikrowelle aufwärmen können.

Freitag

Anschließend strecken wir uns erst mal im „Schlafzimmer" aus, wo leider alle Liegen schon besetzt sind. Eine Stunde liege ich auf dem harten Boden wach, eine halbe Stunde schlafe ich. Nach einem Becher Kaffee sind wir wieder draußen in der Morgenfrische
Der kanadische Grenzbeamte begrüßt uns mit „Bonjour" und wir sind in Quebec, der französischsprechenden Provinz Kanadas. Auch die Landschaft erinnert mich an Frankreich, offenes Wirtschaftsland mit Wiesen und Feldern, dazu ein endlos gerades, welliges kleines Sträßchen. Als es wärmer wird, machen sich die vergangenen Anstrengungen und der wenige Schlaf bemerkbar. Schließlich kommt doch der ersehnte Wendepunkt in Huntingdon nahe Montreal. Heißes Toast mit Rührei und Kaffee und die bequemen Sessel der „Royal Canadian Legion Hall" bringen etwas Erholung.
Auf dem Rückweg bemerkt Anne zu recht,
dass uns ein heißer Tag erwartet. Umso willkommener ist mir die Dusche an der Kontrollstelle von Rouses Point, und in meiner frischen Garnitur aus dem vorausgeschickten Kleiderbeutel fühle ich mich wie nach ein paar Stunden Extra-Pause. Umso besser, denn jetzt sollte das härteste Teilstück kommen. Die „Route 2 East" über den Lake Champlain und seine Inseln, der wir - jetzt bei Tag - 40 Meilen lang folgen, ist voll von Wochenend-Ausflüglern mit Bootsanhängern und Campern, die uns oft zum Ausweichen auf den löchrigen Seitenstreifen des Highways zwingen. Gleichzeitig
bläst uns ein heißer Wind von den Green Mountains entgegen, die sich zwar klar am Horizont abzeichnen, aber einfach nicht näher kommen wollen. Wir sind sehr erleichtert, als wir endlich den See hinter uns lassen und eine Tankstelle entdecken, wo wir uns mit kalten Getränken versorgen. Die folgende Passage durch die ersten Bergausläufer fällt uns allen schwer und macht uns unmissverständlich klar, dass in der nächsten Kontrollstelle erst mal die dringend benötigte längere Schlafpause angesagt ist.
Als wir schließlich abends um halb zehn im Sportzentrum von Middlebury eintreffen, verziehen wir uns nach einer schnellen Pizza in die örtliche Eishockey-Halle, wo jede Menge Faltbetten und Decken bereitstehen. Ich will mich nicht wecken lassen, sondern vertraue auf die „innere Uhr" und rechne insgeheim damit, dass ich nach zweieinhalb Stunden wieder frisch bin.

Samstag

Plötzlich schrecke ich hoch - es ist schon halb drei Uhr morgens, ich habe vier Stunden geschlafen und die anderen sind längst weg! Eilig packe ich meine Sachen, stopfe mir noch schnell ein Stück Pizza in den Mund und spüle mit Kaffee nach. Ein Blick auf die Kontroll-Liste zeigt, dass Anne und Stig schon seit zwei Stunden unterwegs sind. Ich stürze mich geradezu in den folgenden 13 Meilen langen Anstieg zum „Middlebury Gap" mit seiner Schlusssteigung von 15 %. Gut fühle ich mich, und der erste Schreck über den verpassten Anschluß weicht der Überzeugung, dass es genau diese vier Stunden Schlaf waren, die mir gefehlt haben. Leichter Regen setzt ein, als ich mich zwischen Felswänden und finsterem Wald die stille Straße hochwinde. Dann mit Vorsicht in die nasse Abfahrt und die schon bekannte lange Passage am Fluß entlang, bevor die nächste Steigung hoch zum Skigebiet von Killington durch urwaldartigen Laubwald folgt. Der Morgen dämmert und aus den regenfeuchten Wiesen steigen Nebel, es duftet ganz anders als zu Hause, irgendwie nach Ahornsirup und Minze. Als ich um halb acht Uhr morgens in Ludlow eintreffe, ist die Freude groß - Anne und Stig sind noch beim Frühstück und schnell beschließen wir, gemeinsam weiter zu fahren.

Es erwartet uns ein idealer Radl-Tag - leicht bedeckt, nicht mehr heiß, aber auch nicht kühl. Die Freude darüber, unser Abenteuer auch gemeinsam zu beenden, spornt uns an. Wir machen noch mal Tempo und an den beiden verbleibenden Kontrollstellen halten wir uns nicht lange auf. 20 Meilen vor Boston bekommt Anne einen Hungerast, zum Glück findet sich schnell ein Lebensmittel-Markt. In der Vorfreude auf die baldige Heimkehr essen wir Bagels und trinken ein Bier. Ein letztes Mal schalten wir unsere Lichter ein und um 20.45 Uhr - nach 62 Stunden und 45 Minuten - rollen wir unter dem Beifall der schon vor uns eingetroffenen Fahrer und der Veranstalter auf dem Parkplatz des Holiday Inn ein.

Zur Information

BMB fand bisher jedes Jahr statt, mit Ausnahme der PBP-Jahre. Leider hat Jennifer Wise, die die Veranstaltung in den letzten Jahren mit viel Geschick organisiert und für eine sehr herzliche, persönliche Atmosphäre gesorgt hat, die Leitung nach der Ausgabe von 2006 niedergelegt. Es ist gegenwärtig noch nicht bekannt, wer ihr Nachfolger wird und ob BMB überhaupt 2008 wieder ins Rennen gehen wird. Nähere Informationen unter
www.geocities.com/b-m-b/ .