"Bonne Route..."


Im Osten färbt sich der Himmel langsam rot. Es ist 6.30 Uhr, Ostersonntag, 31.03.2002. Wir befinden uns in der Anfahrt auf Digne les Bains, dem Zielort des Flèche Vélocio 2002. Wir, das sind Karl, Martin, Thomas, Steffen und ich. Irgendwo nähert sich auch unser Wohnmobil mit Tina, Gerd und Marion dem Zielort. Nach 22 Stunden und mehr als 370 km Fahrt, Zeit, um die Tour noch mal Revue passieren zu lassen:
Start war gestern morgen um 8.00 Uhr in Lausanne. Noch klingt das "Bonne Route" im Ohr, das uns gewünscht wird, als wir den ersten Stempel in unsere Kontrollkarten in Lausanne eintragen lassen. Lausanne hat um 8.00 Uhr morgens noch das Flair einer Kleinstadt - mit hoch geklappten Bürgersteigen. Ohne viel Verkehrsstress finden wir schnell auf unsere Route entlang des Genfer Sees. Vorbei an den Gebäuden des IOC geht es nach Genf. Leider ist der Himmel bewölkt und die Alpengipfel hinter dem See lassen sich nur erahnen. Stellenweise erhaschen wir einen Blick auf den Jura, dessen Gipfel noch schneebedeckt sind. Auf gut ausgebauten Radwegen bzw. der Straße fahren wir entspannt in Richtung Genf. Eine ganze Reihe von Rennradlern kommen uns entgegen, die scheinbar alle am Anschlag fahren und kurz davor stehen in ihre Lenker zu beißen. Über soviel Verbissenheit können wir nur lächeln. Bald kündigen uns die Villen am Seeufer, der zunehmende Verkehr und die zahlreichen landenden Flugzeuge, Genf an. Ein paar Meter hinter dem Ortsschild steht dann auch unser Wohnmobil. Wir liegen sehr gut in der Zeit und genehmigen uns eine kleine Pause. Den Kontrollstempel holen wir in einem Friseurgeschäft mit Beauty Studio, vor dem wir parken. Die gestylten Damen finden das ganze ziemlich amüsant und geben uns gern den gewünschten Stempel samt Unterschrift. Mehrere Stunden später hätten Sie uns wahrscheinlich erst einmal ein paar Flaschen Parfum geschenkt.

Vor uns liegt nun die erste Herausforderung: Wir müssen mitten durch Genf...Es gelingt uns auf Anhieb durch dichten Verkehr, über Straßenbahnschienen und Ampeln einen Weg heraus zu finden. Mit dem Passieren der Grenze zu Frankreich in St. Julien sind wir wieder auf dem Land. Damit kommt auch die erste langgezogene Steigung. Der Wind von vorne und der bewölkte Himmel werden zum Glück durch die schöne Landschaft, in die kleine Dörfer eingestreut sind, ausgeglichen. Nach einer langen und schönen Abfahrt erreichen wir ein Flußtal, dem wir ein Stück folgen. Leider ist hier der Verkehr wieder sehr dicht. Dies scheint die Franzosen aber nicht zu stören, die auf den Rastplätzen an der Straße und am Flußufer ihre Picknicks veranstalten. In Mons biegen wir auf eine kleinere Landstraße in Richtung Seyssel ab - der Verkehr läßt merklich nach. Die Straße gibt einen Vorgeschmack auf Paris - Brest -Paris, wie mir die erfahrenen Randonneure versichern. Der Fahrbahnbelag ist rauh wie Schmirgelpapier. In Seyssel treffen wir auf die Rhone. Hier ist schon richtig Frühling. Langsam kommt auch die Sonne durch die Wolken und es wird angenehm warm. Die Straße gehört nun hauptsächlich wieder Radfahrern, die uns in großer Zahl begegnen. Radsport ist in Frankreich einfach Volkssport und auch die Autofahrer zeigen viel mehr Verständnis und Rücksichtnahme als bei uns. Es geht nun immer in Richtung Süden. Am Ufer des Lac de Bourget wird die Landschaft grandios: Die Straße führt im Wechsel mit einer Bahntrasse am Ufer des Sees entlang, während sich schroffe Felsen direkt daran anschließen. In Aix-le-Bains haben wir unser nächstes Etappenziel erreicht. Unser Begleitteam hält uns eine Ladung Spaghetti bereit, die nicht besser schmecken könnte. In einer Kneipe bekommen wir den schnellsten Stempel der Tour: Mit einem Kollegen zusammen fertigt uns der Mann hinter dem Tresen bald unter einer Minute ab. "Bonne Route..."

Unser nächster Tour Abschnitt führt uns in Richtung Grenoble. Leider wird der Verkehr nun teilweise sehr dicht. Vor Chambery können wir auf einen gut ausgebauten Radweg wechseln, der uns an einem Fluß entlang fast bis ins Herz der Stadt führt. Dort geht es dann auf Radwegen mitten durch die Stadt. Glücklicherweise finden wir wieder gut den Weg heraus, nur will der Verkehr kein Ende nehmen. Vor Ampeln bilden sich häufig längere Staus und die Abgase sind sehr lästig. Nur langsam läßt der Verkehr nach und die reizvolle Landschaft läßt uns Ampeln und bremsende Autos vergessen. In der Ferne sind einige schneebedeckte 2000er zu sehen. Unten das frische Grün - oben noch Winter. Die tiefer sinkende Sonne und die fallenden Temperaturen machen uns bewußt, dass es erst März ist und uns wohl eine kalte Nacht bevor steht. Grenoble erreichen wir im letzten Tageslicht. In einem Vorort steht auch schon das Wohnmobil auf einem Parkplatz vor einem Hochhaus. Nachdem wir in einer Apotheke unser Kontrollbuch haben abstempeln lassen "tanken" wir Kohlenhydrate. Es gibt als Vorspeise geröstetes Fladenbrot mit einem Quark-Dip und dann wieder für jeden einen Berg Spaghetti. Anschließend machen wir uns Kältefest. Die warmen Handschuhe, Mützen, Sturmhauben, Pullover angezogen bzw. eingepackt, die Stirnlampen montiert. Die Nachtfahrt kann beginnen! Als erstes müssen wir mitten durch Grenoble. Ein Stadt, die uns riesig erscheint. Immer wieder Ampeln und Kreuzungen, so dass wir anfahren, bremsen, absteigen, anfahren. Fünf Rennradler mit Stirnlampen und warm eingepackt haben den Passanten in der Stadt sicherlich einen tollen Anblick geboten... Uns wird bei dem Stadtverkehr ziemlich warm, so dass wir uns wieder eines Teils der Klamotten entledigen. Nach einem schier unendlichen Trip durch die Grenoble haben wir es irgendwann geschafft und sind draußen. Die Straße fängt dann auch bald an zu steigen. Zum Glück haben wir nun kaum noch Verkehr. In Monestier de Clermont machen wir eine längere Pause. Steffen und Martin füllen an einem Brunnen ihre Wasserflaschen. Die Straße aus dem Städtchen heraus scheint direkt in den Himmel zu führen - aber am Ende stehen wir auf dem ersten Pass - dem Col du Fau mit knapp 900 m. Von nun an geht es im Wechsel bergab uns bergauf. In der sternklaren Nacht kann man schemenhaft die uns umgebenden Berge erkennen. Irgendwann überholt uns unser Wohnmobil. Vor dem Schlußanstieg zum Col de la Croix Haute werfen wir noch mal ein paar Kalorien ein und dann heißt es die letzten Höhenmeter strampeln. Irgendwann stehen wir oben: 1179 m - der höchste Punkt der Reise ist erreicht. Es ist bitter kalt, so dass wir nur eine kurze Rast machen. Jeder zieht sich noch etwas Warmes an. Wir haben Zeit verloren - durch den leidigen Stadtverkehr und die Steigung - und hinken nun unserer Marschtabelle hinterher. Von nun an geht es bergab - Karl gibt mächtig das Tempo vor. Die Straße führt wunderschöne Täler entlang - bei Tag für das Auge sicherlich ein Genuß...

An unserem nächsten Kontrollpunkt in Aspres sur Buech haben wir infolge der schnellen Fahrt durch die Tiefkühltruhe wieder 45 Minuten Vorsprung. Wir finden im Wohnmobil bis auf Marion alle schlafend. Nach ein paar schnellen Keksen fahren wir weiter. Nur schnell strampeln um warm zu werden. Einen Stempel in Aspres zu bekommen ist um diese Zeit aussichtslos - als nutzen wir die Postkarten, die wir für solche Fälle zur Verfügung gestellt bekommen haben. Jeder unterschreibt und an der Post werfen wir sie ein und hoffen, dass sie auch ankommen werden. Es wäre schade, wenn unser Erfolg an so einer Karte hinge. Am Fluß Buech entlang geht es fast immer bergab - mit kleineren Steigungen dazwischen - in Richtung Sisteron. In den Obstplantagen, an denen wir vorbei kommen, laufen die Sprinkleranlage, damit die Obstblüten nicht erfrieren. Das Wasser in meiner Trinkflasche ist mittlerweile zu Eis geworden. Wir kommen durch kleine Dörfer und Städtchen die noch im Schlaf liegen. Nur die Boulangerien erwachen langsam zum Leben. Jetzt ein Baguette oder Croissant mit einem Café au lait wäre was... Unser nächstes Etappenziel lautet Chateaux Anrnoux. Im Ort ist morgens um 5 Uhr schon reges Treiben. Es wird alles für einen Flohmarkt vorbereitet. Die Kneipe "Chez Fred" hat um diese Zeit auch schon offen. Wir fallen ein, erschrecken ein bißchen die Gäste und geben uns eine geballte Ladung Koffein. Die Wärme tut gut - die gepflegten sanitären Anlagen sind eine Wonne. Wo würde man in Deutschland um diese Zeit was Offenes finden?
Um 6 Uhr lassen wir uns von Fred den letzten Stempel geben. Nun gibt es nur noch ein Ziel: "Digne les Bains". Langsam wird es heller und man kann die sehr kargen Hügel sehen. Rund 20 km vor Digne treffen wir die ersten anderen Radler, die eine Pause machen, dick eingemummelt und mit Baustellen Sicherheitswesten sehen die irgendwie witzig aus. Wir fahren nun ein malerisches Flußtal entlang. Unsere Begleitcrew überholt uns. Kurz vor dem Ziel treffen wir noch auf ein zweites deutsches Team aus Schleswig-Holstein.


Wie wird der Empfang in Digne sein? - diese Frage geht uns durch den Kopf. Ein starker Gegenwind bereichert unsere letzten km. In Digne folgen wird dann den Schildern zu einer Halle. Es ist mächtig was los. Im Ziel werden uns von den Franzosen die Räder abgenommen - toller Service. In der Halle geben wir unsere Karten ab - wir haben es geschafft, trotz unseres unterschiedlichen Alters und unserer unterschiedlichen Leistungsstärke haben wir eine Menge Spaß gehabt - oder vielleicht gerade deshalb. Auch unsere Begleitcrew ist gut angekommen, die Stadtdurchfahrten waren für sie der gleiche Alptraum wie für uns. Wir können es irgendwie noch gar nicht richtig realisieren an diesem Ostersonntagmorgen.
Das "Bonne Route..." klingt noch im Ohr.

Volker Schrenk.