Rocky Mountains 1200 km Lust und Laune


Ein Dreieckskurs, Start in Kamloops - gelegen zwischen Vancouver und Calgary in Canada - entlang dem Thomson River nach Norden 400 km bis Jaspers, dann ca 350 km südöstlich nach Lake Louise und zurück westlich nach Kamloops; Gesamtlänge 1200km mit fünf prominenten Pässen ca. 8000 Höhenmetern Zeitvorgabe wie üblich 90 Stunden. Das waren die Vorgaben für unser diesjähriges AUDAX-RANDONNEUR Ziel - klingt verlockend, war es auch. Wir sind : Wolfgang aus Osnabrück, Michael aus Viersen. Karl aus Osterdorf, Winni aus Hindelang und Frieder, meine Wenigkeit, aus Gammertingen.

Michael - ein Brevet-Freund - hatte uns im vergangenen Herbst den Mund gewässert. Er hatte in seinen ausführlichen Erläuterungen nur Bestes übrig, sowohl für Strecke als auch Organisation. Er versprach uns, wenn überhaupt, dann lediglich sogenannte moderate Anstiege, dafür gewaltige Abfahrten (das passt ja auch gut zusammen in der Einzigartigkeit), herrlich Flusstallandschaften, Seen in Kodachrome, griffnahe Eisfelder, also alles nur vom Allerfeinsten. Seine 60 Lenze sind überschritten, die Rückschau macht gnädig, die Restunannehmlichkeiten schluckt Vergessen - wir haben Michael alles verziehen.
Munter war die Entscheidung gefällt. Winni wollte mir schon die Freundschaft kündigen : wie ich ohne ihn solch gefährliche Unternehmungen wagen könne! Wie ein Rohr im Winde schwankte der gute Freund zwischen seiner frischen Frau, seinem high-tech Liegerad und seiner konventionellen Rennradgrurke - una perfecta macchina italiana - (aber dafür untrainiertes Hinterteil). Für Karl kam nur das Rennrad in Frage, allerdings mit neuer Gabel, nachdem die schon ein Jahr angebrochene nicht endgültig bei den Brevets zebröselte. Lediglich bei mir war klar, dass bei meinem imperativen Schlafdrang mein Liegeschlafrad die richtige Wahl darstellt. Übrigens sind für die neugierig nachfragenden Airliner die Länge von 217cm zu deklarieren und werden nicht überschritten, egal wie lang das Teil ist.
Recht kurzfristig konnten wir uns auch noch auf einen gemeinsamen Abflug einigen, bezogen nach Zwischenstopp in Calgary am Montag die Jugendherberge in Kamloops (lieber Alte wie gar keine), waren dort sehr gut aufgehoben und betreut, konnten unser Gepäck dort belassen, belästigen diverse Restaurants mit unserer ausschweifenden Gefräßigkeit, bis wir endlich am 24.07.02 Mittwochabend um 10:00 starten konnten. Die erste Gruppe für geplante 90 Stunden eine weitere Gruppe startete Donnerstag früh 4:00 für geplante 84 Stunden. Ein Proberitt am Dienstag gab technisches o.k. wobei ich meine Reifen nicht ordentlich gefüllt hatte und mir prompt nach 50km einen Snakebite-Platten einfing. Winni lies dort auch sogleich seinen knitterfesten Hut liegen, ich selbst legte meine frisch gefüllten Trinksack in Jaspers ab bemerkte den Schaden erst nach 30 km. Die Canadian Boys hatten ihre liebe Not mit uns vertrottelten Alten, zu den Columbian Icefield waren wir mit unserm Kram wieder komplett.
Nun mit Topspeed 95km/h downhill den Sunwapta Pass nach Sascatchewan River Crossing, hier wurden erstmal die mitgebrachten Dauerwürste vom Metzger Steinhart verteilt und unter neidvollen Blicken schweigend als höchstes Lob verzehrt. Danach ging es „außerordentlich moderat" hechelnd, teils schiebend den Bow Pass hinauf; ab nach Lake Louise mit herrlich gefärbten Seen unter gewaltigen Felswänden, die wie Perlen aufgefädelt erscheinen. Dort schnell Essen fassen und nun wirklich mal moderat über den Kicking Hors Pass in gewaltigen Sprüngen 1500 Höhenmeter über 84 km hinab nach Golden. Ich schaffte es gerade noch bei einigermaßen Dämmerlicht, Karl und vor allem Winni verloren durch die aufgekommenen Dunkelheit,die lange Baustelle und die nervigen Tracks etwas die Courage.
In Golden dann ordentliche Schlafpause, anschließend herrliches Frühstück am Rogers Pass - man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass außer Essen und Schlafen nicht viel mehr war. Die nächste Station war Revelstoke; gut Rast, ordentliche Nahrung und wie an den anderen Plätzen auch, sehr freundliche, eilfertig hilfsbereite Versorger. Der Crew muss ein großes Kompliment ausgesprochen werden, die Leute wussten als erfahrene Sportler ohne viel Worte einfach was wir brauchten.
Zunehmend heftiger Gegenwind machte nun den Freunden die Arbeit schwer, mit dem Liegerad kam ich bei den widrigen Winden gut unten durch.. In Salmon Arm fühlte ich mich stark genug für eine weitere Etappe und hatte mit Foster Renwick einen findigen, gut gelaunten Begleiter. Ohne Umwege und in guter Zeit erreichten wir den letzten Schlafplatz in Vernon - herrliche vier Stunden auf blankem Boden aber freundlich geborgen. Auf netter Nebenstrecke wurden dann die restlichen 120 km abgeritten; in Falkland nochmals ausgiebiges Frühstück und Endspurt. Gegen Ende erreichte mich erwartungsgemäß ein tränenreicher, entlastender „Street-Flush" - da geht man gerne durch. Am Sonntag 28.07. high-noon war das Ziel erreicht. Von 78 Teilnehmern konnten 68, darunter alle neun Frauen das Kriterium erfolgreich bewältigen, auch für die Organisatoren ein erfreuliches Ergebnis.
Erfüllt von dem Erlebten darf ich sicher auch für meine Freunde sagen, dass dieses EVENT durchweg von Freude geprägt war. Natürlich waren da einzelne Härten, der Kampf mit der lähmenden Müdigkeit, die teilweise brüllend empfundene Hitze, auch der Abschnitt Jaspers nach Columbia Icefields mit Kälte und kräftigem Regen, nichts aber bedeuten diese Detaills für das Ganze : der gemeinsame Erfolg, die vielen neu geknüpften freundschaftlichen Kontakte und die verspürte Lust auf das nächste Ziel : Paris - Brest - Paris in 2003.