Brevetbericht 300 km Nordbayern

Am Samstag, 09.04.2011 ist es wieder soweit. Karl wird das 300er Brevet wie in letzter Zeit üblich nach einer Ansprache von einer Stehleiter aus um 08:00 Uhr starten. Gerüchteweise hat er das in früheren Zeiten von einem Autodach herunter erledigt.
Um 07:00 Uhr treffe ich in Osterdorf ein. Um das Gemeindehaus herum parken schon einige Fahrzeuge, Räder sind am Geländer aufgereiht oder an Wände gelehnt. Im Gemeindehaus wird gefrühstückt, Heidi in der Küche hat mit ihren Helfern alles im Griff. Herzliche Begrüßung, ein Hallo hier, ein Nicken dort, dann die Formalitäten. Angeblich sind 165 Fahrer und Fahrerinnen gemeldet, viele die man vom 200er oder von den letzten Jahren kennt, sind wieder da.
Ein Radler packt ein Fahrrad aus, bei dem Rahmen und Felgen aus Carbon zu sein scheinen. Ich kenne mich mit dem Material nicht so gut aus, frage mich aber, ob das für die zu erwartende Strecke nicht etwas gewagt ist. Weiterhin gibt es einige Liegeräder, ein Tandem, ein Tridem, das eine oder andere MTB, viele Rennräder, zwei Velomobile (Quest und Milan), ein Victoria 26-Zoll Damenrad aus den 60ger (?) Jahren und ein Brompton (meins) zu sehen.

Letzte Vorbereitungen werden getroffen, die Schlange vor der Toilette kommt mir heute sehr lange vor, dann geht es los. Der Pulk rollt bergab Richtung Pappenheim. Danach wird es gleich recht hügelig. Eine rechte Berg-und-Tal-Bahn, auch als "Schweinehügel" bekannt. Das Wetter spielt mit, kein Regen, das wird den ganzen Tag so bleiben, die Laune ist gut. Bei Marxheim nach etwa 40 km fahren wir über die Donau, die Landschaft ist jetzt eher flach. Die Navigation geht gut, jedenfalls bis kurz vor der ersten Kontrolle in Aichach nach 84 km. Es soll an einer Milchfabrik nach rechts gehen, aber hat schon je einer die Fabrik gesehen? Macht nichts, die Münchener Straße findet man auch so.
Zwei nette Damen an der Stempelstelle versorgen uns mit Getränken und Snacks und guter Laune. Entspannt geht es weiter in gemäßigtem Gelände durch schöne Landschaften bis zur zweiten Kontrolle in Mammendorf bei 119 km.
Nach kurzer Rast nehme ich die nächste Etappe in Angriff. Das eine oder andere Grüppchen bildet sich und manche Unterhaltung wird geführt. Igor auf seinem MTB ist wieder da. Bei Seefeld ist höchste Aufmerksamkeit gefordert, hier muss man wirklich sorgfältig aufpassen, sonst ist man nicht mehr auf der richtigen Strecke. Außerdem sind einige Autofahrer mit dicken Autos auf schmalen Straßen so eilig unterwegs, dass unangenehme Situationen vorprogrammiert scheinen. Nun, wir finden unbeschadet nach 153 km das Kloster Andechs mit Kontrolle drei. Viele Menschen sind da und einige von ihnen schon reichlich mit dem guten Andechser Nass (kein Wasser!) abgefüllt.
Anschließend rollt es bergab nach Herrsching hinein. Überraschenderweise kommt uns eine Gruppe von Randonneuren entgegen, aber was soll´s, viele Wege führen nach - äh - Andechs.
Eine Weile fahren Igor und ich noch gemeinsam, dann bin ich allein. In Höfa gibt es Orientierungsschwierigkeiten. Ich frage einen Autofahrer mit großem Wagen, der gerade aus einer Seitenstraße kommt, er weiß nichts, gibt es aber nicht zu. Zwei Jungs sind hilfsbereit und schicken mich prompt in die falsche Richtung. Nach einer Weile fahre ich zurück und muss feststellen, dass der Autofahrer von vorhin genau das Straßenschild verdeckt hat, das ich suche. Jetzt weiß ich, wohin. Ich freue mich auf die Kontrolle in Altomünster. Da gibt es leckeres italienisches Essen.
In Altomünster bei km 216 haben sich einige Teilnehmer niedergelassen und genießen das gute Essen und das gute Wetter. Nachdem die Penne geschmeckt haben, mache ich mich bald auf den Weg, die Dämmerung naht. Jacke an, Leuchtweste an, Licht einschalten. Ich bin gut in der Zeit, drei Stunden Reserve. Das beruhigt mich, vor den folgenden 60 km bis Neuburg habe ich Respekt. Ich möchte aber alleine radeln und muss etwas Tempo herausnehmen.
Zunächst geht alles gut. Aber dann Stockensau bei km 238. An der Abzweigung links nach Unterbernbach, heißt es. Es gibt drei Möglichkeiten. Ein Landwirt, den ich in seinem Hof sehe, schickt mich zur mittleren. Ein Stück außerhalb des Ortes eine 3-fach-Gabelung an einer Sitzgruppe unter einem Baum. Rechts ist der Weg schlecht, geradeaus steht ein Schild "Sackgasse", also fahre ich links. Falsche Entscheidung! Im nächsten Örtchen, inzwischen dunkel, werden drei Damen gefragt. Sie schicken mich auf einen Weg, der tatsächlich nach Unterbernbach führt. Sechs km Umweg. In Unterbernbach, auf der Suche nach der richtigen Abzweigung, sehe ich weiter vorne Gertraud und Peter aus einer Seitenstrasse kommen. Schnell hinterher und sich den beiden angeschlossen. Die beiden kennen die Strecke. (Ein Glück, denn das "Roadbook" enthält bis Neuburg einige Überraschungen.) Wunderbarer Fahrstil, allerdings ein Tick zu schnell für mich, die 35 km bis Neuburg werden die am meisten anstrengenden des ganzen Brevets. Irgendwann ist auch Igor mit dabei, der an einer Abzweigung geradeaus gefahren war, dann aber umkehrte, als er uns bemerkt.
Am McDonalds in Neuburg ist Kontrolle. Einige junge Autofahrer interessieren sich für uns und sind hin- und her gerissen ob der Sache, die wir da machen. Einer kann sich gar nicht wieder einkriegen, als er bemerkt, dass da ein Verrückter mit dem Faltrad unterwegs ist.

Das letzte Teilstück des Brevets kenne ich einigermaßen. Vier Fahrer finden sich zu einer lockeren Gruppe zusammen, die bis Dollnstein bei km 305 und darüber hinaus mehr oder weniger zusammen hält. Das Gelände ist zunächst ziemlich wellig aber dann ca. 15 km schön flach. Es wird recht frisch. Die Getränke sind so kalt, dass man nur kleine Schlucke trinken kann. In Dollnstein könnte man sich eine Kontrolle frei wählen, aber es ist 23:40 Uhr, ich fahre weiter. Die letzten 20 km bis Osterdorf sollten bis 04:00 Uhr zu schaffen sein. Ich freue mich, dass mich mein Brommi so souverän in 15 Stunden und 40 Minuten über die 305 km gebracht hat. Da lassen sich auch die letzten Anstiege, Qualität: erster Gang, ganz gut bewältigen. 01:00 Uhr sind wir in Osterdorf und wir sind lange nicht die letzten.
Heidi und ihre Helferinnen sind da und kümmern sich um das leibliche und bei manchen auch um das seelische Wohl. Ich werde müde und gehe schlafen.

Anstrengen war´s, manchmal verwirrend, aber schön.

Rolf Blenn