Die Nacht bricht ein, für Randoneure heißt es, dunkel, alleine, doppelte Konzentration, Kampf gegen den eigenen Schweinehund

Abenteuer Paris-Brest-Paris 2011


Zwei Freunde, die sich gerade einmal 18 Monate kennen, nehmen gemeinsam den ältesten Radmarathon in Angriff.

„Ich bin jetzt nicht mehr ansprechbar“ / 600km ARA Brevet Nordbayern

Viel muß passieren, bevor man derartige Bekundungen äußert. Gleich vorweg, wir haben es uns redlich verkniffen, solche Formen der Selbstaufgabe von uns zu geben. Aber bei 38 Stunden bzw. 600km hat man viel Zeit, verbale wie auch non-verbale Highlights aufzuschnappen und auch Preis zu geben. Bevor wir in diesen Genuß kamen passierte eine Menge…

Juni 2011. Das letzte zu absolvierende Brevet für die Qualifikation Paris-Brest-Paris steht an. Kurzer Flashback: Im Jahr der Teilnahme muß jeder Willige ( oder Bekloppte, je nach Sicht des Betrachters) die Serie von Qualifizierungsfahrten hinter sich bringen. Die Distanzen beginnen dort, wo gewöhnliche Radtagestouren aufhören. 200km-300km-400km und das berüchtigte 600km Brevet sind in einer vorgegebenen Zeit zu absolvieren. Für die 600km hat man exakt 40 Stunden Zeit. Es ist dem Sportler vollkommen freigestellt, ob er die Strecke ohne Pause durchfährt, sich eine Pause gönnt oder gar schlafen legt. Abgerechnet wird am Ende und dann sollte die Strecke im Sack sein, sonst hat man lediglich ein paar Kilometer auf dem Fahrradtacho mehr.

Nach unseren Kaffeefahrten rund durch die Republik in diversen Bundesländern galt es nun den Süden der Bundesrepublik unter die Räder zu nehmen. Als Termin für dieses Vorhaben konkretisierte sich der 02.06. Wir setzten uns am Vorabend bereits Richtung Franken zum Startort in Bewegung. Begleitet von zwei radsport afinen Mitstreitern, Lena und Timon stand unser Vorhaben schon bei der Anreise unter einem guten Stern.

Der Firmen Caddy gepackt mit 4 Rennrädern und 4 Erwachsenen Radsportlern inkl. Gepäck - ein Raumwunder

Am Startort empfängt uns fränkische Gastfreundschaft, um 22.00 Uhr wird eine Wurst-Käse Platte aufgetischt, die eine ganze Kompanie satt gemacht hätte. Jetzt kein Kostverächter sein, in den nächsten 48 Stunden muss der Körper rund 15.000-20.000 kcal verbrennen, da darf man schon mal hinlangen. Runtergespült habe ich die 6 dicken Knifften mit 2 Weizen und dann ging es zielstrebig auf das Zimmer um Material und Ausrüstung für das große Vorhaben zu sichten.

Echt lecker

Weizen ist immer dabei, wer hat das eigentlich erfunden?


Hier ist die Randoneure Szene

06.00Uhr / 02.06. Um den wichtigen Start nicht zu verpennen haben wir zur Sicherheit alle Wecker doppelt scharf gestellt. Das war nicht nötig, denn bereits ein halbe Stunde vor Weckzeit wuselten wir auf dem Hotelzimmer um die aufsteigende Nervosität in den Griff zu bekommen. Dann kurze Überfahrt in den Stadtteil Osterdorf von Pappenheim. Ein Dorf mit einigen hundert Einwohnern steht Kopf. Auf der Hauptstrasse basteln verwegene Gestalten fahrbaren Untersätze jeder Couleur zusammen. Wieder einmal mehr staunen wir über die große Vielfalt und zugleich den Mut der Fahrer, sich mit diesen Gefährten nun 600km lang zu bewegen. Im

Im Vereinshaus herrscht bereits reges Treiben. Alles ist perfekt organisiert, Veranstalter Karl Weimann, ein Urgestein der deutschen Randonneur Szene hat seine gesamte Familie und viele Freunde in die Organisation eingebunden. An den Wänden hängen unzählige Trikots, Pokale und Medaillen die einem Fremden sofort signalisieren: Wo andere aufhören zu treten, fangen wir erst an.

Liegeräder, vollverkeidet sind immer ein Hingucker

Hier wurde schon Geschichte geschrieben

Der Organisator

Wie ein Güterzug rollen wir in 2-er Reihe durch die wellige Landschaft Frankens. Es ist bewölkt mit Sonnenabschnitten aber trocken. Das Feld trenne sich nach ca. 20km in zwei Gruppen. Wir gehen noch gut eine Stunde in der schnellen Gruppe das Tempo mit, lassen dann aber abreißen. 30er Schnitt nach 2 Stunden reicht auch. Es dauert nicht lange und schon gesellt sich diverses Treibgut zu uns und wir formen Schritt für Schritt eine eigene Gruppe aus rund zehn Fahrern. Wir spulen pannenfrei die Kilometer ab und lassen die erste Kontrollstation nach rund

Die Szenerie begeistert

95km hinter uns. Ohne lange Zwischenpause machen wir uns auf den nächsten Abschnitt. Simon und ich beschließen dort, bei km 185 mal eine handfeste Mahlzeit zu uns zu nehmen und dann weiterzufahren. Bei dieser Kontrollstation sind die Angestellten sichtbar mit dem Ansturm von 150 versifften Radfahrern überfordert. Schließlich ist Feiertag, und normalerweise bereitet die einzige Küchenaushilfskraft 4 Portionen Spaghetti pro Tag für gestrandete ukrainische Fernfahrer zu, die gedenken, hier Ihre Zwangspause einzulegen. Natürlich wollen die Radfahrer auch nicht über Gebühr warten, die Uhrzeit tickt. So sind diverse Wortwechsel vorprogrammiert. Ich runde die € 8.50 auf € 10.00 glatt auf und bekomme zügig mein Essen. Die Spagetti sind nicht wirklich das was in Sizilien so aufgetischt wird, aber mit der Nahrungsaufnahme darf man nach 190km nicht zimperlich sein. Nach dem Auffüllen der Speicher machen wir uns wieder mit einem Pulk von ca. 10 Fahrern auf den Weg. Zwischenzeitlich helfen wir einer Mitfahrerin aus Kiel aus dem gröbsten in Sachen Platten und Pannen heraus. An uns ist dieser Kelch komplett vorbeigegangen, über die gesamte Länge hatten wir keine einzige Panne

Der Mohn blüht überall, eines der wirklich schönen Erkentnissen auf einem Brevet erlebt man Natur hautnah Bayern hautnah; Blasmusik an Pfingsten, da würde man gerne absteigen Weizen trinken und ne Brotzeit essen.

und immer wieder Natur die man im Auto nicht zu sehen bekommt.

Randoneurin on the road

Jan links und Simon oben

Nachdem wir die Donau und die Isar überquert haben ging es auf die dritte Kontrolle, in Kraiburg zu. Wir verständigten uns hier auf einen schnellen Snack in Form eines Hamburger Royal TS und zwei Colas. Nun galt es zu dieser Uhrzeit die Maschinen für die Nacht vorzubereiten. Der Tacho zeigt bereits 250km. Zuverlässig erledigt meine Busch und Müller mit seperaten Akku ihren Dienst und leuchtet uns mit 80 Lux die Strecke aus. Wir nähern uns dem Chiemsee. Ein Blick in den Himmel lässt uns weiterhin auf der Hut sein. Seit Stunden hängt eine tiefe Wolkendecke über Bayern, es regnet jedoch nicht. In Bernau am Chiemsee zeigt der Tacho 307km. Vor fast genau einem Jahr sind wir in Schweden 2010 bei der Vätternrunde bei diesem Kilometerstand eher vom Rad gekippt als abgestiegen. OK, Jubelgesänge und dolle Stimmung darf man zu dieser Uhrzeit und den Umständen nicht erwarten. Der Tankstellenangestellte der letzte Heuler. Missmutig bedient er die Radfahrer, als der Kaffeeautomat nach neuen Bohnen schreit hängt er einfach ein defekt Schild an den Automaten. Einige unsere Mitfahrer wollen in dieser Rattenhöhle eine Pause einlegen. Wir haben beschlossen, daß wir uns eine Pause erst richtig erarbeiten müssen und machen uns auf die nächsten und zugleich schwierigsten 60km durch das Alpenvorland.

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