Brevet 400 km Ara Nordbayern Fränkische Alb

Wieder bin ich wegen der kurzen Anfahrt eine knappe Stunde vor dem Start in Treuchtlingen, statt das Ganze mit ein wenig Ruhe einzuläuten. Die Parkplatzsituation ist entspannt und das Wohnwagengespann auf der Wiese lässt mich schwärmen von Brevets in Frankreich, Spanien, Niedersachsen.
Die Sonne scheint noch und es ist herrlich warm.
Ich bin gespannt auf die kommenden Stunden.
Es sind ja recht kleine Veranstaltungen, diese Brevets, da findet man sich auch an neuen Startorten schnell zurecht. Startunterlagen, Kaffee, Frühstück, Heidi und Karl. Hoppla schon 10 vor acht. Jetzt aber los zum Start in die Nacht.
Licht geht, Taschen sind fest, Klamotten sitzen und genug zu essen dabei.
Bis zur ersten Kontrolle sind es ca. 130km, da ist keine größere Pause geplant. In einer Gruppe von 12/13 Fahrern rutschen wir still durch die Nacht, der Autoverkehr ist nicht wahrnehmbar, der Asphalt glatt wie Seide und die Energie scheint unerschöpflich. Müsliriegel und Banane zwischendurch. Eigentlich - so denke ich - bin ich viel zu dünn angezogen, die warmen Tage vor dem Brevet hatten mich sommerlich gestimmt und ich habe mein Outfit auf Langarmtrikot mit Wollunterwäsche beschränkt. Unten kurz mit Beinlingen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, es könnte zu kalt werden. Eine weitere Lektion im Leben, um kommende Ereignisse besser einschätzen zu lernen!
Kurz vor dem Erreichen der ersten Kontrolle muss ich mich aus der Gruppe lösen, da geht was durch mit mir, ich möchte so schnell wie möglich dort sein, das Versprechen meiner Regenbekleidung, mich zu wärmen, einlösen.
Angekommen. Erstmal einen Kaffee und die kurzzeitige Wärme im Rasthaus genießen. Meine Begleiter treffen ein. Ich überlege beim Kauen meines Käsebrotes, ob ich mich ihnen wieder anschließe. Kurzum, raus, alles anziehen und allein in die Nacht. Das Fahren in einer Gruppe heißt doch auch, in der Gruppe bleiben zu wollen. Ich finde, wenn mal mehr als 4 Fahrer zusammenkommen, entwickelt sich eine Eigendynamik, das Ding ist nicht mehr zu stoppen. Es rollt und rollt. Das ist fantastisch und man kommt schnell voran.
Die Faszination fürs Radfahren lebt ja auch vom ästhetisch einwandfreien Bewegungsablauf, den wunderschönen Rädern und dem Geräusch surrender Reifen, Naben, Ketten. Das erlebe ich nur in der Gruppe.

Jetzt aber möchte ich alleine diese Nacht durchfahren. Meinen Rhythmus selbst generieren. Nebel ist aufgezogen und mein Lichtkegel wird gebrochen. Es geht lange auf schmalen geteerten Sträßchen (oder ist es ein Radweg?) durch Wald und Wiesen, in weiter Ferne taucht ein Rücklicht auf. Auch einer dieser großartigen Momente. Ich bin froh, nicht einsam zu fahren, sondern alleine und belasse es bei einem großzügigen Abstand, immer wieder taucht das Rücklicht im Nebel oder der nächsten Biegung ab. Dörfer in der Nacht, unbekannte Ortsschilder, Auf und Ab, Windräder deren Flügel beim Durchschneiden der Luft wie schwingende Riesensäbel klingen, eine Bewusstlosigkeit stellt sich bei mir ein, aus der ich erst erwache, als ich inmitten einer Gruppe fahre, die sich im Morgengrauen durch einen unendlichen Wald schlängelt. Woher diese Gruppe kam, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich merke, dass mich nun die Müdigkeit überfällt, Erschöpfung trifft es wohl eher. Ich fange wieder an zu frieren, lasse die Gruppe ziehen, muss im Schneckentempo weiterfahren, weil ich keinen Platz zum Hinlegen finde. Die nächste Kontrolle war bei früheren 400ern ein Schnellrestaurant. Damals kam mir das gerade recht. Jetzt ist diese Kontrolle einige Kilometer verschoben und ich stehe vor dem geschlossenen Laden, mir ist kalt und unter der Regenkleidung hat sich ein dampfiges Klima ausgebreitet. Noch kälter. Hunger.
Im Augenwinkel sehe ich das Schild einer Genossenschaftsbank mit dazugehörendem EC-Hotel. Da will ich hin. Ohne Eintritt zu zahlen - ich stand wohl auf der Gästeliste - trete ich ein und lege mich sofort hin. Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht, richtig lange schlafe ich da nie, und prompt kommt auch ein Ortsansässiger mit Gamsbart auf dem Hut herein und sagt "Guten Morgen, was macht ihr denn da? Weil, da draußen stehen noch ein paar mit so Rädern verloren rum" Ich erkläre unser Hobby und jeder, der das schon mal einem Fremden erzählt hat kennt die Reaktion.
Aber: "Die Bäckerei da drüben hat glaube ich schon offen", herrlich, denn ich bin jetzt so richtig durchgefroren, war ja nicht beheizt das Hotel und meine Regenklamotten sind immer noch nass von innen. Die Bäckerei also. Keine romantische Backstube, hochgeheizt bis 25°, der Duft von frisch gebackenen Semmeln und wirklich heißer Kaffee, nein ein Back-in-store oder wie das heißt, wenn vor dem REWE-Eingang ein kleiner Streifen Brotregal aufgebaut ist mit angeschlossenem Aufbackofen und einem bestuhlten Areal für diejenigen, die nach dem Großeinkauf bei einer Tasse lauwarmem Kaffee durchatmen müssen, denn diese Kaffeeautomaten liefern nichts gescheites. Aber für mich in meiner
Situation ein geschenkter Gaul. Nachdem 4 Randonneure eingetroffen sind und sich versorgt haben, machen wir uns Mut für den neuen Tag, raffen unseren Kram zusammen und kämpfen uns auf die Räder, es ist kein Urlaub auf dem Campingplatz, so ein Brevet.
Es entsteht keine wirkliche Gruppe von uns vier Bäckereigenießern, jeder hat wohl seinen Rhythmus, seine Geschwindigkeit gefunden, mit der er dem Teufel eins auswischen will und ich finde mich erst kurz vor der Kontrolle in Teuchatz in Gesellschaft eines Mitstreiters. Danach jagen wir runter ins Pegnitztal. Dieser Abschnitt im fränkischen ist umso schöner wenn die Sonne aufgegangen ist, die Wärme zurückkehrt und die Natur voll im Saft steht. Nach einer kurzen Pause in einem der lieblichen Dörfer - wir versorgen uns mit unseren Vorräten - wechseln wir zwischen der Landstraße, die sich durch das Tal schlängelt und dem Radweg, der auf einer alten Eisenbahntrasse verläuft. Noch immer bin ich nicht zufrieden mit meiner Kleidung, ziehe immer wieder die Regenjacke an und aus, ein wärmeres Oberteil in guter Qualität hätte mir das Ganze wohl angenehmer gemacht, hätte hätte, ich weiß.
Wieder fahre ich allein in die kommende Kontrolle, eine Tankstelle. Ich scheine kurz vor den Kontrollen das Tempo unnötig anzuziehen. Letztlich rollen wir aber wieder zu zweit in die nächste Etappe. Nach einem kräftezehrenden Anstieg entscheide ich mich zu einem kurzen Schläfchen in der Sonne und lege mich auf das weiche Gras mitten im Feld. Der Himmel ist wolkenlos und die Sonne macht den Tag sommerlich warm, das Windrad über mir macht bedenkliche Geräusche beim Drehen der Achse, immer wieder werde ich wach davon, bin aber zu schwach, mir einen neuen Lagerplatz zu suchen und schlafe mit Unterbrechungen.
Ich wache auf und meine Beine unter der schwarzen Hose brennen. Die Haut darunter auch, ich muss wohl länger gelegen haben, zumindest ausreichend für einen Sonnenbrand. Ich stehe auf und sehe noch andere Randonneure auf den Wegen zwischen den Kniehohen Ähren der Wintergerste liegen. Schön, wenn man alleine aber nicht einsam fährt. Der Kollege, mit dem ich die meiste Zeit gefahren bin, taucht bei der folgenden Kontrolle wieder auf und wir starten wieder einmal gemeinsam in die nächsten Kilometer. Der Anstieg in Weißenburg, die Ludwigshöhe hinauf, ist allen Teilnehmern hier ein Begriff, spätestens nach der Auffahrt. Das Gerede um diese letzte Hürde ist größer als die Hürde selbst. Wie sooft. Letztlich hilft nur runterschalten und hochtreten, durch die Dauerbelastung scheint der Körper ein Energiedepot freizuschalten,
das solche Hürden einfach nimmt, ohne zu murren. Dass die Kontrollzange den Gipfel dieser Hürde nicht markiert ist aber eine Gemeinheit, sonst könnte man verweilen und den Ausblick genießen, so halt weiter bergauf, bis die Abfahrt zurück nach Treuchtlingen kommt. Es war eine Schinderei.
Der Grad der Erschöpfung trägt immer dazu bei, verklärende Eindrücke zu gewinnen. Gedanken, die die ganze Unternehmung in Frage stellen, ja sogar eine weitere Teilnahme an so etwas gänzlich ausschließen, sind jetzt, Wochen danach, längst verschwommen und ich freue mich närrisch auf den 600er.

Liebe Heidi, lieber Karl,
danke für eure Energie, die ihr in die Organisation der Brevets steckt.
Und für eure Freundlichkeit. Macht weiter bitte!

Liebe Grüße aus Neuburg,,,,,,,,,,,,,,,,martin
Anmerkung von mir ( Karl)
Hallo Martin,die Kontrollzange auf der Ludwigshöhe ist am Anfang des ca 200m langen Flachstücks,das am Anfang und am Ende
einen herrlichen Ausblick biedet. Der allerdings von vielen Fahrern nicht wahrgenommen wird (siehe Bild ).
Nach dem Lochen ein Blick zurück, eine kurze Pause die sich lohnt. Und dann die lezten Höhenmeter bis zum Gipfel mit 16%
die oben im Wald ohne Ausblickmöglichkeit erreicht werden.

Bilder vom Anfang und Ende der geraden auf der Ludwigshöhe

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